Category

News

„Künstlers Erdenwallen“

Schadow Gesellschaft zu Berlin auf den Spuren von Johann Gottfried Schadow in Beelitz, Treuenbrietzen und Wörlitz

 

Der große Berliner Bildhauer und Grafiker Johann Gottfried Schadow absolvierte in seinem langen Leben viele Dienstreisen zumeist im Auftrag der preußischen Regierung. Er lernte dabei für sein Schaffen interessante Personen kennen und nahm vielfältige Anregungen für seine Arbeit auf. Eine solche Fahrt führte den damals Dreißigjährigen vom 14. Juli bis zum 7. Juli 1794 von Berlin nach Dresden mit Haltepunkten in Beelitz, Treuenbrietzen, Coswig, Wörlitz und weiteren Städten und Dörfern. Sie mag für ihn im Nachhinein nicht so bedeutsam gewesen sein. Zwar finden sich in Schadows Erinnerungsbuch von 1850 „Kunstwerke und Kunstansichten“ enthusiastische Worte über den „Zauber“, den die Ankunft der beiden aus Mecklenburg-Strelitz stammenden Prinzessinnen Luise und Friederike im selben Jahr alle Stände ergriff und  deren Doppelstatue er alsbald in Angriff nahm. Dass er sich zu Studienzwecken nach Dresden begab, war ihm ein halbes Jahrhundert später keine Zeile wert. Gäbe es nicht das handgeschriebene, im Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz befindliche Reisetagebuch vom Sommer 1794, wüssten wir nicht, was Schadow in den von ihm besuchten Städten und Dörfern erlebte, wo er nächtigte und speiste, mit wem er sprach und wie ihm Menschen, Landschaften und Sehenswürdigkeiten zusagten oder auch missfielen. In den Aufzeichnungen hielt der Meister kurz und bündig „Künstlers Erdenwallen“ fest, um den Titel einer berühmten Bilderfolge von Adolph Menzel zu zitieren.

Mitglieder der Schadow Gesellschaft Berlin, die sich intensiv um das Erbe ihres Namensgebers kümmert und in die Öffentlichkeit trägt sowie Aspekte seines Lebens und Schaffens in einer gut gemachten Schriftenreihe publiziert, nahmen am 6. Oktober 2019 bei bestem Herbstwetter die Gelegenheit wahr, Schadows Spuren in einem modernen Reisebus zu folgen und zu erfahren, wie es dem noch recht jungen Leiter der Hofbildhauerwerkstatt und Direktor der Skulpturen beim Oberhofbauamt vor 225 Jahren auf seiner Reise ins Sächsische ergangen ist.

Kritische Urteile und Hang zur Ironie

Grundlage der Exkursion ist ein Reisetagebuch, aus dem die Kunsthistorikerin Dr. Claudia Czok, Vorsitzende der Schadow Gesellschaft, entziffert und bei der Busfahrt vorgetragen und kommentiert hat. „Der Bericht zeigt Schadows ausgeprägte Fähigkeit und den Willen zur kritischen Beurteilung all dessen, was er bei seiner Reise gesehen und erlebt hat. Sein Urteil vor allem über künstlerische Phänomene ist auch heute interessant. So äußert er sich lobend über den Erhalt und das Aussehen mittelalterliche Backsteinbauten, die man in dieser gediegenen Form in Berlin nicht kennt. Er findet Stuckaturen und Wandmalereien im Wörlitzer Schloss mittelmäßig, ist hingegen vom Landschaftspark des Fürsten Franz begeistert.“

In Treuenbrietzen bemerkte Schadow vor dem Tor eine Wassermühle sowie einen wohl konservierten runden Turm und alte Mauern. „Das Wasser läuft in Rinnen durch die ganze Stadt. Eine Frau am Tor, die bemerkte, daß ich die schöne Mauer von Feldsteinen des runden Turms aufmerksam betrachtete, sah auch hin, indem sie sagte: ,Ja, wenn der nicht so fest wäre, so hätten sie ihn längst heruntergeworfen, am andern Tor stand auch so einer. Der hat fortgemußt. Und doch stehts keinem Menschen im Wege.’ Die Frau sprach so in meine Seele hinein, daß es mich noch leid tut, so gleichgültig scheinend weiter gefahren zu sein. Ich dachte auch weiter nicht dran, als bis ich so schrieb.“

Was Schadow in Coswig an der Elbe erlebte, fasste er in diese Worte: „Grade gegenüber, doch entfernt vom Ufer dieses Flusses liegt Wörlitz. In diesem Städtchen ist ein großes Schloß, gewöhnlich von der Fürstin v[on] Anhalt bewohnt, S[oeur] d[e] l’ Imp[eratrice] de Russi[e], sie war nicht hier. Ich glaubte, als die erste sächsische Stadt, viel visitiert und befragt zu werden. Aber hier sind keine Soldaten, keine Torschreiber, keine Einnehmer und all die Herren, die man so zahlreich in viel kleineren preußischen Städten antrifft.“ In Coswig begegnete Schadow einem geschwätzigen Wirt, einem Erzverleumder, wie er schrieb. „Doch hat er mir viele Partikularitäten, Dessau und W[örlitz] betreffend, mitgeteilt, die mir grade jetzt willkommen sind. Ich werde bald erfahren, ob die Wahrheit der Verleumdung sehr ähnlich ist, und dann ist es ja keine. Man braucht heutiges Tages so viele Schminke beim Erzählen, besonders die wohlerzogenen Leute, daß, erzählt mal einer ungekünstelt die Wahrheit, so hält man ihn wohl gar für einen Spitzbuben.“ Die Aufzeichnungen würden eine gute Portion Dünkel und einen starken Hang zur Ironie zeigen, kommentierte Claudia Czok diese Passage.

Hier klassizistische Klarheit, dort spätbarocker Bombast

Zielpunkt der Exkursion der Schadow Gesellschaft war ein Besuch des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs, dessen Anlage auf Ideen des Fürsten (ab 1807 Herzogs) Leopold Friedrich Franz III.  von Anhalt-Dessau und seiner Gemahlin Luise zurückgeht und seit 2000 zum UNESCO-Welterbe gehört. Bei einer Führung durch das von 1769 bis 1773 nach Erdmannsdorffs Plänen erbaute  Schloss Wörlitz und den berühmten Landschaftspark sowie der Besichtigung der neuen Dauerausstellung „Rückkehr ins Licht. Georg Forster und die Wörlitzer Südseesammlung“ war viel davon zu erfahren, worin das Besondere dieser Anlagen im Vergleich zu dem im benachbarten Preußen von König Friedrich II., dem Großen, zelebrierten spätbarocken Bombast war, und warum der Fürst und seine Gemahlin das Sommerschloss mit seinen wundervollen Sammlungen „gut gekleideten Bürgersleuten“, wie man damals sagte, zur Besichtigung öffnete, lange bevor sich andere Fürstlichkeiten dazu bequemten.

Schadow beschreibt seine Fahrt von Coswig mit der Fähre und die Ankunft in Wörlitz an 16. Juli 1794 so: „Ein steinigter und schlimm ausgefahrener Weg in der Richtung nach Wörlitz durch Wald, zu Ende öffnet sich von beiden Seiten die Aussicht, es fängt eine schöne Chaussee an und der Garten kündigt sich auf große und reizende Art an. Ja, ich [möchte] beinahe behaupten, daß alles, was [man] nachher im Detail sieht und welches schön, reizend und mit geschmackvoller Sorgfalt gezogen ist, doch diesem Eindruck nicht beikommt, den so diese ganze Gruppe von Bäumen und die großen Partien Wasser mit ihren großen Licht und Schattenmassen auf einen machen. Wenn man dann weiter am Wege den auf Grottengewölbe ruhenden Pavillon sieht, worunter Wasser fließt und auf einem erhabenen Rande der Mauern schöne Persicken [Pfirsiche], Weinreben und vortreffliche Blumen stehen, welches mir unaussprechlich reizend schien, so wird man recht erwartungsvoll. Es ist aber ein unbilliges Begehren: Weshalb soll ein Garten besser sehn von innen als von außen? Nachher teilt sich der Garten vermöge des Wassers in 3 Hauptteile.“

Den Idealen der Aufklärung verpflichtet

Fürst Leopold Friedrich Franz III. war dem Militärischen abgeneigt. Er kaufte sich nach kurzer Offizierslaufbahn davon frei und war ganz und gar Zivilist und Kunstfreund. Ein ganzfiguriges Porträt in dem zwei Etagen hohen Speisesaal des Schlosses zeigt ihn in der Pose eines gut situierten Gutsherrn, ohne Orden und andere Abzeichen seiner hohen Herkunft. Franz, wie man ihn in Wörlitz abgekürzt nennt, war ein innovativer, den Idealen der Aufklärung verpflichteter Herrscher, der sich im Unterschied zu vielen seiner hochadligen Standesgenossen intensiv  um das Wohl und Wehe seiner Untertanen kümmerte, für sie Schulen und andere Bildungseinrichtungen baute, die Pockenimpfung einführte und in seinem kleinen Land für ein Klima der Humanität und Toleranz sorgte.

Das von Christoph Martin Wieland als „Zierde und Inbegriff des 18. Jahrhunderts“ gelobte, zur Erbauungszeit nur „Englisches Haus“ genannte Schloss und der nach englischen Vorbildern angelegte Landschaftspark avancierten zum Mekka von Kunstfreunden aus aller Welt und wurden Vorbilder für weitere Bauten und Anlagen dieser Art. Schadows Kommentar über das Schloss und seine Räumlichkeiten fiel recht differenziert aus: „Die gemalten Zierrate, Landschaften und Arabesken und Plafond – Aussichten und Venedig-Ruinen – sind von einem gewissen Fischer, der alles fürs Geld macht. Die Stuckaturarbeiten sind noch ärger. Wie gewöhnlich wird aber dieser Dreck sehr rein gehalten, da hingegen die guten Kunstwerke in Italien voller Schmutz liegen. Sonst ist die Fassade des Palastes, das Vestibül und einige Fenster und Türen im reinsten Stil. Das Gotische Haus im Garten ist in seiner Art merkwürdig, das Innere soll es noch mehr sein. Und alles, sagt man, sei eigne Idee des Fürsten, welches ihn unter Fürsten distingiert. Im Ganzen ist es ein reizender Aufenthalt.“

Einigkeit und Ruhe mögen das Schloss bewohnen

Im Unterschied zur kriegszerstörten Residenz der Anhaltiner in Dessau weitgehend im Zustand der Erbauungszeit erhalten, vermittelt das von Franz und seiner Familie als Sommersitz in Wörlitz genutzte Gebäude ein Gefühl dafür, was mit der Inschrift im Giebel „Liebe und Freundschaft haben es erbaut, Einigkeit und Ruhe mögen es bewohnen, so werden häusliche Freuden nicht fehlen“ gemeint war. Es kann sein, dass der ständig auf Reisen befindliche und immerzu auf der Suche nach schönen Frauen befindliche Bauherr mit dem Motto sagen wollte, dass über allem, was er tut und lässt, die Familie steht.

Franz weilte wenig im Wörlitzer Schloss und war großen Hofgesellschaften abhold, sondern wohnte im benachbarten Gotischen Haus bei seiner Geliebten, der Gärtnerstochter Luise Schoch, mit der er drei illegitime Kinder hatte. Insgesamt hatte der Fürst aus der wenig glücklichen Ehe mit Luise von Brandenburg-Schwedt den erbberechtigten Sohn Friedrich, der aber schon vor ihm starb, so dass die Herrschaft nach Franz’ Tod 1817 an seinen Enkel überging. Seine vielen unehelichen Kinder ließ er, ähnlich wie der auf diesem Gebiet ebenfalls nicht faule August der Starke, eine gute Erziehung angedeihen und sorgte für deren „schickliche“ Erziehung.

Wer durch das Schloss geführt wird, unternimmt eine Reise durch unterschiedliche Kunstepochen, bekommt hier eine Vorstellung von der im 18. Jahrhundert zelebrierten Chinamode und taucht dort in die Welt der Antike ein, vermittelt durch gemalte Göttergestalten und malerischen Ruinen an den Wänden sowie Kopien römischer Bildwerke auf Tischen und Konsolen. Gezeigt wird auch, dass das Schloss als eine Art Musterhaus nach neuestem technischem Standard mit Einbaumöbeln, ausziehbaren Betten, Aufzügen einerseits für Speisen und andererseits zum Entsorgen der Nachttöpfe und manch andern Errungenschaften ausgestattet war und ist. Geheizt wurde mit eisernen Kanonenöfen, die in jedem zweiten Zimmer standen. Wer die steilen Treppen erklimmt, lernt in den oberen Etagen nicht nur den Palmensaal kennen, sondern auch edel ausgestattete Appartements der fürstlichen Familie und ihrer Gäste. Dort kann man sich die eingangs erwähnte Ausstellung von Hinterlassenschaften des Weltreisenden Georg Forster anschauen, den Fürst Franz und seine Gemahlin 1775 in London kennen und schätzen gelernt hatten. Forster schenkte dem Paar 42 Bilder und andere Objekte, die lange im Wörlitzer Depot „schmorten“ und erst jetzt durch die neue Präsentation der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden.

Sammlung altdeutscher Kunst im Gotischen Haus

Wenn man vom Schloss hinüber auf den Landschaftspark schaut, sieht man in der Ferne das an einem kleinen Graben stehende Gotische Haus. Ursprünglich Unterkunft des Hofgärtners Johann Leopold Ludwig Schoch, wurde das Haus vom Fürsten Franz nach und nach um- und ausgebaut. Mit ihm entstand eines der frühesten Zeugnisse der Neogotik auf deutschem Boden. Der pittoreske „Rittersitz“ diente dem Fürsten nicht nur als privates Refugium, um sich in vermeintlich bessere Zeiten zurückzuversetzen, sondern auch zur Unterbringung seiner Sammlungen „altdeutscher“ Kunst. Lange galten die Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Glasfenster und Gebrauchsgegenstände aus vergangenen Jahrhunderten als vernachlässigenswerte, unmodische und altbackene Hinterlassenschaften, gar als Unkunst. Bei Umbauten und Modernisierungen von Kirchen, Schlössern, Burgen und Patrizierhäusern trennte man sich gern von ihnen. Doch wenn Fürst Franz davon erfuhr, besorgte er sich solche für den Müllhaufen bestimmte Stücke. Er leistete damit einen wichtigen Beitrag für ihre Erforschung und Pflege und nicht zuletzt für die Denkmalpflege, die zu seiner Zeit noch in den Kinderschuhen steckte. Die von ihm angelegte Sammlung von Glasmalereien aus der Schweiz gilt als die bedeutendste außerhalb ihres Herkunftslandes.

Text und Fotos: Helmut Caspar, 7.10.2019


 

 

 

 

 

Schadows Münzfries verstaubt

Kostbare Bildhauerarbeiten fristen unterm Kreuzbergdenkmal ein Schattendasein, sollten aber ans Licht geholt werden

Nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 ließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. für die Helden dieses Kampfes gegen das napoleonische Frankreich Denkmäler errichten und Medaillen prägen. Für die Restaurierung eines dieser Monumente, des Kreuzbergdenkmals in Berlin, hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz viel Geld bereit gestellt und zu weiteren Spenden für das fragile Eisenmonument aufgerufen. Die Schadow Gesellschaft hatte am 24. Mai 2019 zur Besichtigung eingeladen. Sachkundig von Frank Körner geführt, sahen sich die Gäste im riesigen Unterbau und oben auf der Kuppel des Kreuzbergs um und erfuhren viel aus der Bau- und Restaurierungsgeschichte des reich mit Skulpturen bestückten Monuments. Der frühere Mitarbeiter im Tiefbauamt Friedrichshain-Kreuzberg kennt die nach Schinkels Entwürfen und von den Bildhauern Christian Daniel Rauch, Christian Friedrich Tieck und Ludwig Wichmann gestaltete Pyramide aus grün gefasstem Eisenkunstguss wie seine Westentasche.

Eingehend wurden im gewölbten Unterbau der aus Sandsteinplatten nach Entwürfen von David Gilly von Johann Gottfried Schadow ausgeführte Fries von der anno 1800 eröffneten klassizistischen Münze auf dem Werderschen Markt beziehungsweise von der Fassade der königlichen Prägeanstalt an der Berliner Unterwasserstraße und weitere qualitätsvolle Steinreliefs Berliner Prachtbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert betrachtet und kommentiert. Interessant war zu erfahren, dass vor Jahren der hohe Unterbau, auf dem das Kreuzbergdenkmal steht, in ein Lapidarium umgewandelt und dem interessierten Publikum geöffnet werden sollte. Der löbliche Plan zur Schaffung eines solchen Museums von Standbildern und anderen Bildhauerarbeiten kam nicht zustande, weil die Behörden meinten, das Kreuzbergdenkmal im Viktoriapark sei zu weit abgelegen und schlecht zu erreichen. Das war eine vorgeschobene Ausrede, denn vom U-Bahnhof Platz der Luftbrücke braucht man nur 15 Minuten oder etwas mehr, um das in der Nähe der alten Schultheiss-Brauerei befindliche Monument zu erreichen.

 

Wiegen, prüfen, prägen

Auf dem 36 Meter langen Sandsteinrelief an drei Seiten der Fassade der klassizistischen Münze am Werderschen Markt in Berlin nach Entwürfen von David Gilly und Gottfried Schadow sind das Schürfen „roher“ Metalle und ihre Aufbereitung durch Schmelzen sowie das Strecken mit einer Walze sowie das Prägen mit einer Spindelpresse, dem damals wichtigsten Prägegerät, und schließlich das Wiegen und Prüfen der fertigen Geldstücke dargestellt. Eine Platte schildert, dass Wohlstand die Künste anlockt, weitere zeigen die Segnungen des Land- und Wasserbaues und die Art und Weise, wie mit Hilfe von Geld dem Wüten der Naturgewalten Einhalt geboten werden kann. Entwürfe für das klassizistische Relief befinden sich in der Sammlung der Zeichnungen der Staatlichen Museen zu Berlin sowie im Märkischen Museum der Stiftung Stadtmuseum Berlin.

Aufgrund der Platznot mussten in den 1830er Jahren die obersten Bergbau- und Baubehörden einschließlich der Bauakademie die Neue Münze verlassen. 1861 ging der tempelartige Bau in städtischen Besitz über und 1886 wurde er ungeachtet des Protests kunst- und geschichtsbewusster Berliner abgerissen, um einem Kaufhaus Platz zu machen. Zwischen 1861 und 1871 entstand an der Unterwasserstraße nach Plänen der Architekten Heinrich Bürde (Gebäude) und Friedrich August Stüler (Fassadengestaltung) eine weitaus größere Münzstätte. Die vom Vorgängerbau übernommenen Reliefplatten wurden in die Fassade der weitaus größeren Geldfabrik eingefügt. Da die im Stil der Neorenaissance erbaute Produktionsstätte von Talern, Groschen und Pfennigen eine längere Fassade besaß als das Gebäude von 1800, hat man links und rechts zusätzliche Reliefs der Bildhauer Hugo Hagen und Rudolf Siemering angefügt.

 

Kopie an Geldfabrik am Molkenmarkt

Nach dem Münzgesetz vom 2. Juli 1934 sollten die fünf deutschen Münzstätten in München, Muldenhütten, Stuttgart, Karlsruhe und Hamburg geschlossen und in der Reichshauptstadt Berlin die einzige, nach neuestem Standard ausgestattete Prägeanstalt etabliert werden. Der Plan entsprach den zentralistischen Zielen der Nationalsozialisten und ihrem Bestreben, letzte Reste föderaler Strukturen im NS-Staat zu beseitigen. Allerdings erwies sich der bisherige Standort an der Unterwasserstraße für die erheblich größeren Aufgaben als zu klein. Deshalb wurde eine neue Geldfabrik zwischen 1936 bis 1942 nach Plänen der Architekten Fritz Keibel und Arthur Reck auf den Fundamenten des mittelalterlichen Krögels, des Mühlenviertels und eines Gefängnisses, die so genannte Stadtvogtei, als Preußische Staatsmünze errichtet. Die Vorderseite am Molkenmarkt wurde mit einer Kopie des Gilly-Schadow-Frieses geschmückt.

Die Arbeiten an der künftigen Reichsmünzen wurden 1942 wegen des Kriegsverlaufs einstellen, so dass der riesige Neubau ein riesiger Torso geblieben ist. Nach der Behebung der Kriegsschäden beherbergte er das Ministerium für Kultur der DDR und den VEB Münze der DDR. Von 1990 bis 2006 prägte die Staatliche Münze Berlin am Molkenmarkt wieder gesamtdeutsch. Durch den Umzug in eine für ihr neuen Zweck umgebaute ehemalige Glasfabrik fand die Prägeanstalt bessere Arbeitsbedingungen vorfand und konnte auch ein  kleines, aber feines Betriebsmuseum einrichten.

In den Katakomben des Kreuzbergdenkmals fristet hochkarätiges Kulturgut wie der Münzfries von Gilly und Schadow ein unwürdiges Schattendasein, unterbrochen durch gelegentliche Führungen und die Entnahme des einen oder anderen Exponats für Ausstellungen und Kopien. 5 Platten des langen 33 Platten umfassenden Schadow Frieses zum Thema „Prägen und Wägen“ hängen an der Außenwand des Oberstufenzentrums Banken, Immobilien, Versicherungen in Moabit/Tiergarten. Ob die Schadow-Gesellschaft mit ihrem Wunsch Gehör findet, dass das Meisterwerk ihres Namenspatrons im Humboldt Forum präsentiert wird, das noch in diesem Jahr eröffnet werden soll, ist nach heutigem Stand kaum anzunehmen. Man müsste die Platten, von denen einige in der Staatlichen Münze Berlin an der Ollenhauerstraße 97 in Reinickendorf beziehungsweise in Schadows Wohn- und Atelierhaus an der Schadowstraße 10 unweit des Brandenburger Tors ausgestellt waren, nur reinigen und mit Erläuterungstafeln versehen. Ans Licht geholt, dürften sie viele Geschichts- Kunstfreunde in Entzücken versetze.

 

 

Ruhmvolle Erinnerung an Befreiungskampf

Zurück zum Kreuzbergdenkmal. Preußens oberster Baumeister Karl Friedrich Schinkel hatte zur Erinnerung an die Befreiungskriege unter anderem einen „Brunnen der Begeisterung“ vor dem Berliner Schloss, einen mächtigen Dom „nach Art des Münsters zu Straßburg“ auf dem Leipziger Platz und weitere Monumente geplant. Doch waren diese Projekte für König Friedrich Wilhelm III., einen der Sieger und Profiteure jenes Freiheitskampfes, zu teuer, und so wurde das Nationaldenkmal auf dem 66 Meter über Normalnull weit vor der Haupt- und Residenzstadt in Auftrag gegeben. Die Grundsteinlegung fand am 19. September 1818 in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm III. und seines Waffenbruders Zar Alexander von Russland statt.

Der Staatsakt wurde durch eine von Henri François Brandt geschaffene Medaille gewürdigt. Sie zeigt auf der Vorderseite die Köpfe der beiden Monarchen, und auf der Rückseite befindet sich die Ansicht des Monuments, versehen mit der Umschrift in drei Reihen: „Dankbar gegen Gott eingedenk seiner treuen Verbündeten und ehrend die Tapferkeit seines Volkes legte in Gemeinsamkeit mit Alexander I. Kaiser von Russland Friedrich Wilhelm III. den 19. September 1818 den Grundstein des Denkmals für die ruhmvollen Ereignisse in den Jahren 1813 1814 1815“. Durch eine Kabinettsorder vom 13. September 1819 hatte der König verfügt: „Der Gegenstand dieser gelungen Arbeit ist von so allgemeinem Interesse, dass ich es angemessen finde, noch mehr dergleichen Denkmünzen anfertigen zu lassen, um deren öffentlichen Verkauf gegen einen mäßigen Preis zu gestatten. Der daraus, nach Abzug der Unkosten zu lösende Gewinn soll den Verwundeten Kriegern aus den Feldzügen von 1913. 1814 und 1815 zu Statten kommen.“

 

Eisen als patriotischer Stoff

Alle Figuren und die Bauplastik des Kreuzbergdenkmals wurden in der Königlichen Eisengießerei zu Berlin hergestellt. Eisen war damals als „patriotischer“ Stoff sehr beliebt. Das Volk spendete Gold und Silber zur Ausrüstung von Soldaten und bekam als Beleg eiserne Medaillen sowie Schmuck zur Erinnerung an „Preußens große Zeit“, wie man damals sagte. Mit dem 1813 vom König gestifteten Eisernen Kreuz mit silberner Umrandung nach Schinkels Entwurf wurden sowohl Offiziere als auch einfache Soldaten und Zivilisten geehrt. Das Symbol des Befreiungskampfes krönt die Spitze des Kreuzbergdenkmals und ist auf allen Flächen präsent. Als Hauptinschrift bestimmte Friedrich Wilhelm III. folgende Widmung: „Der Koenig dem Volke das auf seinen Ruf hochherzig Gut und Blut dem Vaterlande darbrachte den Gefallenen zum Gedächtnis den Lebenden zur Anerkennung den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.“ Diese Inschrift erscheint auch auf einer Eisenmedaille zur Denkmalweihe am 30. März 1821.

Bemerkenswert ist bei dem knapp 20 Meter hohen und nach einer zeitgenössischen Berechnung 26000 Zentner schweren und alles in allem rund 85 000 Taler teuren Kreuzbergdenkmals ein eigenartiger Stilmischmasch. Neogotische Architekturformen wie Spitzbögen, Fialen und Krabben sind mit Figuren kombiniert, die sich in Haltung und Kleidung an griechische und römische Vorbilder anlehnen. Schinkel lobte die Gotik als sein „wahres Endziel“ und gestaltete das Monument als eine Art Verbeugung vor der nationalen Kunst und Geschichte. Damals galt die Gotik als originäre Leistung des deutschen Mittelalters und verkannte aber ihren französischen Ursprung.

 

Kolossale Statuen mit Königsgesichtern

Die Nischen der Winkel sind, wie Schinkel schrieb, „mit einer kolossalen Statue ausgefüllt, in welcher der Genius einer Schlacht charakterisiert ist. Der Ausdruck des Kopfes, das gewählte Alter, das Kostüm, die aus den Ereignissen entlehnten Attribute und endlich auch manche Porträt-Ähnlichkeiten haben die Motive zu einer mannigfaltigen Charakteristik und Bedeutsamkeit der Gestalten hergegeben, über denen die Architekturmasse des Denkmals nur den schützenden und zur Verehrung errichteten Baldachin abgibt“. Jede der zwölf Personen symbolisiert eine bedeutende Schlacht – von Groß Görschen am 2. Mai 1813 bis Belle Alliance (Waterloo) am 18. Juni 1815, in deren Verlauf der kurzfristig von der Insel Elba zurückgekehrte Napoleon I. endgültig geschlagen wurde.

Dass die Bildhauer den in den Nischen stehenden Personen Köpfe berühmter Zeitgenossen gaben, ist ungewöhnlich. So hat der Genius der Schlacht von Culm die Gesichtszüge Friedrich Wilhelms III., seine bereits 1810 früh verstorbene Gemahlin Luise „lieh“ dem Genius der Schlacht von Paris im Jahre 1814 den Kopf, und der Landwehrmann als Symbolfigur für die Schlacht von Groß Beeren bei Berlin gleicht dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der 1840 als König Friedrich Wilhelm IV. den preußischen Thron bestieg. Andere Figuren sehen aus wie die in antike Gewänder gehüllten Generale Blücher, Bülow und Yorck.

Solange die Gegend um das Kreuzbergdenkmal kahl und unbebaut war, konnte man das Monument weithin sehen. Stiche und Gemälde des frühen 19. Jahrhunderts zeigen die Weite des Geländes vor der Stadt. Doch wurde mit der Besiedlung des Bezirks Kreuzberg eine Erhöhung der eher kleinen Anlage notwendig. So ließ Johann Heinrich Strack 1878 einen wuchtigen neuen Unterbau errichten. Zwölf hydraulische Pressen hoben das Denkmal um acht Meter an. Wie das ging und wie der Viktoriapark durch Hermann Mächtig einen über Felsen herabstürzenden Wasserfall erhielt, hat Frank Körner den Besuchern ebenso erläutert wie Feinheiten und Probleme der Generalrestaurierung 1979 bis 1986. Das empfindliche Eisen des Kreuzbergdenkmals erfordert kontinuierliche Sicherungs- und  Restaurierungsarbeiten. Sein grüner Anstrich wirkt zwar konservierend, doch dieser kann das Voranschreiten von Rost nicht aufhalten und muss kontinuierlich überwacht und erneuert werden. Zudem vergehen sich Sprayer und Vandalen an dem einzigartigen Kunstwerk.

Literaturhinweis: Michael Nungesser: Das Denkmal auf dem Kreuzberg von Karl Friedrich Schinkel. Bezirksamt Kreuzberg von Berlin und Verlag Willmuth Arenhövel Berlin 1987

Helmut Caspar
26. Mai 2019

(Fotos/Repros: Caspar)

Zu Besuch in der Bildgießerei Hermann Noack

Auf Anregung der Bildhauerin Bärbel Dieckmann nahmen 22 Mitglieder der Schadow Gesellschaft Berlin e.V. Ende April 2019 an einer Führung in der Bildgießerei Hermann Noack teil.
Seit 2010 ist das traditionsreiche, 1897 in Berlin gegründete Unternehmen in Berlin-Charlottenburg direkt am Spreeufer ansässig. Es verfügt dort über hochmoderne, großzügig- funktionale Räume für die kunsthandwerklich-künstlerische Produktion und über lichtdurchflutete Ausstellungsräume, außerdem über ein eigenes Restaurant.

Die Leiterin der Werkstattgalerie, Frau Isabella Mannozzi, erklärte die einzelnen Arbeitsschritte, die zu einer Bronzeskulptur hinführen. Die Anfertigung eines Modells, der Gussform, des eigentlichen Gusses und die daran anschließende Nachbearbeitung wie etwa das Verlöten der Einzelteile oder das Patinieren sind jeweils verzwickte, zeit- und arbeitsaufwendige Verfahren, die u.a. von spezialisierten Wachsformern und Gießern, Schmieden und Ziseleuren ausgeführt werden.

Eine Attraktion dieser anschaulichen Führung war, dass wir ‚die Massen im Fluß‘ beobachten durften, nämlich das Gießen von drei kleineren Bronzeteilen. Der dickflüssige Metallbrei floss auch wirklich ’nach der rechten Weise‘ und in seinem ziemlich kleinen, rotglühenden Behälter verbreitete er doch eine fast unheimliche Hitze. Eindrucksvoll war auch, die momentane Entstehung eines 40teiligen Figuren-Ensembles von Anselm Kiefern zu sehen, und zwar aus nächster Nähe und in den aufeinander folgenden Entstehungsphasen. (cc)

Foto: Claudia Czok

Ein Bilderbogen für Schadow

Ende April 2019 ging die im Schadowhaus des Deutschen Bundestages veranstaltete Ausstellung „Lorbeeren für Schadow“ zu Ende. Der Hallenser Künstler Moritz Götze zeigte dort seit Mitte 2018 seine poetisch eingefärbten Gedanken zu Person und Werk „unseres“ Schadow. Götze hat eines seiner extra für die Ausstellung entstandenen Bilder als großzügige Dauerleihgabe der Schadow Gesellschaft Berlin e.V. überlassen. Ein „Schadow-Bilderbogen“ von ihm präsentiert sich nun in unserer Geschäftsstelle, tritt in Zwiesprache mit den Werken von Gottfried Schadow und seinem Sohn Ridolfo, Christian Daniel Rauch, Carl Blechen, Eduard Gaertner und Johannes Grützke.

Foto: Moritz Götze

Gottfried Schadow, nach einem Porträt des Berliner Künstlers Ludwig Buchhorn gemalt, schwebt in der Mitte des in Emaille ausgeführten großformatigen Bildes. Diese etwas großspurig und steif wirkende Figur hat Götze locker in eine Geschichte aus einzelnen, scharf abgegrenzten Bildern verstrickt: Sie erzählen von Schadows Lehrmeister Tassaert und seiner ersten Ehefrau Marianne, von Berlin und vom Schadowhaus, von den großen Bildwerken der 1790er Jahre, von freimaurerischen Moralvorstellungen und vom früh errungenen Ruhm als Künstler. Ganz wie die altmodischen, süßlich-kitschigen Glanzbilder aus geprägtem Papier sind die einzelnen Szenen nur durch Stege aneinandergefügt, die so dünn scheinen, dass sie leicht brechen könnten. (cc)

» Website des Deutschen Bundestages zur Ausstellung

Zu Besuch bei den zwei schönsten alten Damen Berlins

Am 5. Februar 2019 besuchte eine Gruppe von Vereinsmitgliedern das Restaurierungsatelier der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. Der Grund: Das Gipsmodell für Gottfried Schadows berühmte Prinzessinnengruppe, entstanden 1795, wird dort gerade restauriert. Über die Restaurierungsarbeiten am Bildwerk und über seine Geschichte sprachen die Restauratorin Theresa Bräunig und die Kuratorin Dr. Yvette Deseyve. Mit ihnen und mit Dr. Volker Werb, Vereinsmitglied und ausgewiesener Fachmann in Sachen Prinzessinnengruppe, ergab sich ein spannender Gedankenaustausch unter den Augen der beiden schönsten alten Damen Berlins. (cc)

Fotos: Claudia Czok

Gratulationen von Schadow

Der Schadow-Schülerpreis 2018/2019 wurde vergeben! Die Schadow Gesellschaft Berlin e.V. freut sich, aus diesem Anlass den Schülern des Schadow-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf gratulieren zu dürfen. Vier Mitglieder der Foto-AG Alma Kathmann, Magdalena Gräslund, Jacqueline Ludwig und Nike Fotiadis haben das Thema „Schadow in neuen Gewändern“ ideenreich variiert. Fotos nach Schadows Bildwerken und nach freien, eigenen Faltenwürfen wurden durch Collagen und Übermalungen sonderbar verfremdet, außerdem wurden die Faltenwürfe augenzwinkernd inszeniert. Aus Wortspielen entstandenen die originell klingenden Titel der eingereichten Bilder, da werden „Gewänder gewendet“, „Formen und Falten“ vorgeführt und „Faltengestalten“ treten auf. Für die spielerisch-humorvolle Beschäftigung mit Schadow danken wir den Schülerinnen und natürlich ihrer Kunstlehrerin Frau Andrea Grote, die das Kunst-Projekt angeregt und engagiert geleitet hat. (cc)

Foto: Schadow-Gymnasium Berlin-Zehlendorf

85ct Briefmarke

Schätze aus deutschen Museen:
Johann Gottfried Schadow

Prinzessinnengruppe 1795-1797

Erstausgabetag: 11.10.2018

Hausbesuch bei Martin Luther

Tagesfahrt der Schadow-Gesellschaft am 10. Mai 2017 zu den Erinnerungsstätten der Reformation in Wittenberg

Einzelheiten erfuhren Mitglieder der Schadow Gesellschaft Berlin e. V. bei einer Tagesfahrt am 10. Mai 2017 in die Stadt, die von 1511 bis zu seinem Tod 1524 seine wichtigste Wirkungsstätte des Theologen war. Den Teilnehmern hat der bekannte Maler, Grafiker und stellvertretende Vereinsvorsitzende Johannes Grützke eine launige Zeichnung dediziert, genannt „Schadow erschrickt – sein kleines Luthermodell hat sich aufgeblasen“.

Auf dem Programm standen eine Stadtrundfahrt, der Besuch der frisch restaurierten Schlosskirche, in der Martin Luther, sein wichtigster Mitstreiter Philipp Melanchthon sowie fürstliche Zeitgenossen bestattet sind, ferner die Besichtigung des Wittenberg-Panoramas „Luther 1517“ von Yadegar Asisi, des Wohn- und Atelierhauses von Lucas Cranach und der Lutherhalle, des größten reformationsgeschichtlichen Museums der Welt.

Martin Luther war schon zu Lebzeiten eine Legende. Sein Konterfei wurde auf zahlreichen Holzschnitten, Kupferstichen und Gemälden verbreitet, und auch auf Altarbildern hat man ihn verewigt. Kaum zu überschauen ist die Zahl von Münzen und Medaillen mit dem Bildnis des Mannes, der wie kein anderer die religiösen und geistigen Grundfesten seiner Zeit erschüttert hat und außerdem durch die Bibelübersetzung große Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Sprache besaß. In der Lutherhalle kann man eine Fülle von gedruckten, gemalten und geprägten Beispielen für die geradezu kultische Verehrung sehen, die dem 1483 in Eisleben geborenen und 1546 ebendort verstorbenen Reformator genoss und weiter genießt. Zu sehen sind dort auch Gegenstände aus dem Haushalt von Martin und Katharina Luther, deren Denkmal im Hof der des Museums steht, das zu Luthers Zeiten Augustinerkloster war und danach Sitz der 1502 von Kurfürst Friedrich dem Weisen gegründeten Universität.

Obwohl Martin Luther ein populärer, ja ein Mann von geradezu weltgeschichtlichem Zuschnitt war, dauerte es drei Jahrhunderte, bis ein erstes Standbild unter freiem Himmel aufgestellt wurde, das von Schadow geschaffene Denkmal auf dem Markt zu Wittenberg direkt vor dem Rathaus. Zwar hatte schon 1739 der Leipziger Schriftsteller Johann Christoph Gottsched anlässlich des 100. Todestages seines Dichterkollegen Martin Opitz gefordert, man möge die „Verdienste großer Männer, die ihrem Vaterlande wichtige Vortheile verschaffet, ihren Mitbürgern viel Ehre gemachet durch ansehnliche Denkmäler und sonderbare Ehrenzeichen dem Andenken der Nachwelt empfehlen“. Doch blieben öffentliche Denkmäler im 18. Jahrhundert nur Monarchen und Feldherren sowie heiligen Männern und Frauen vorbehalten. Im Zuge der Aufklärung und angesichts der Erschütterungen, die die französische Revolution von 1789 dem Feudalsystem beibrachte, folgte eine Neuorientierung auch auf verdienstvolle Persönlichkeiten bürgerlicher Herkunft und Profession, also auf Gelehrte, Geistliche, Politiker und Künstler.

Wittenberg war 1815 mit weiteren Teile des von den katholischen Wettinern regierten Königreichs Sachsen, das mit den Franzosen zu den Verlierern der Völkerschlacht bei Leipzig gehörte, an Preußen gefallen. Dessen Herrscherhaus, die Hohenzollern, hatte sich 1539 zu Luthers Lehre bekannt. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen fühlte sich verpflichtet, Luthers Erbe zu pflegen und zu bewahren. Er erteilte dem Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow den Auftrag, für Wittenberg ein Standbild des Reformators zu schaffen. Gedacht war an „eine kolossale Bildsäule Luthers von Bronze, die Bibel in der linken Hand, auf einem viereckigen, mit angemessenen architektonischen Verzierungen versehenen Fußgestell von rotem Granit.“

Bereits 1806 hatte sich Schadow an einem von der „Vaterländischen-literarischen Gesellschaft der Grafschaft Mansfeld“ ausgeschriebenen Wettbewerb zur Errichtung eines Lutherstandbildes in Mansfeld beteiligt. Doch war die Verwirklichung der von verschiedenen Bildhauern und Architekten eingesandten Vorschläge von zum Teil geradezu monumentalem Zuschnitt und daher viel zu teuer durch den Einfall der französischen Heere „gehemmt“, wie Schadow in der Rückschau notierte, also durch die kriegerischen Ereignisse des Jahres 1806 und die preußische Niederlage von Jena und Auerstedt. In ihrem Ergebnis hat der siegreiche Napoleon I. Preußen erdrückende Friedensbedingungen auferlegt, während sich das mit Hilfe des französischen Kaisers zum Königreich erhobene, seit August dem Starken katholisch regierte Sachsen territorial stark ausweitete und im Übrigen wenig Neigung zeigte, den rebellischen Luther auf besondere Weise zu ehren.

Erst 1816, kurz vor der Dreihundertjahrfeier der Reformation, wurde das Denkmalprojekt wieder aufgegriffen. Friedrich Wilhelm III. entschied, dass das Denkmal nicht in Mansfeld, für das die erwähnte Gesellschaft schon Geld gesammelt hatte, beziehungsweise in Luthers Geburts- und Sterbestadt Eisleben, sondern im preußisch gewordenen Wittenberg aufgestellt wird. Schadow standen vielfältige Bildnisse als Vorlagen zur Verfügung, doch keine genügte ihm, wie die Kunsthistorikerin Dr. Claudia Czok, erklärte. Doch dann habe er bei einer Rundreise durch das mittlere Deutschland, die ihn auch nach Wittenberg führte, im Lutherhaus zu Eisleben ein überlebensgroßes Porträt gesehen, das seinen Vorstellungen entsprach. Er zeichnete die Vorlage ab und reichte die Kopie samt weiteren Unterlagen bei der preußischen Regierung ein, die zustimmte. Ursprünglich hatte sich Schadow, der in seinem Erinnerungen von 1850 von sich immer in der dritten Person schreibt, im Zusammenhang mit Luther „reichere Kompositionen“ ausgedacht, musste sich aber bescheiden. „Nachdem er (Schadow, H. C.) aber auf den desfallsigen Reisen in Sachsen und im Hessenlande sowohl in Skulptur wie in der Malerei gesehen hatte, daß man unsern großen Reformator immer mit der Bibel in der Hand dargestellt hatte, so bewog es ihn, dies als eine Autorität anzusehen, von der man nicht abweichen dürfe, und in dieser Einfachheit traf er auch den Sinn seines Königs“. Der Monarch war von der Lutherfigur angetan und lobte bei einem Atelierbesuch insbesondere die rechte Hand, wie Schadow notiert, die auf die Bibel zeigt.

Der Grundstein für das Denkmal wurde von Friedrich Wilhelm III. im Beisein der königlichen Familie und des Hofes am 1. November 1817 anlässlich der Dreihundertjahrfeier des Thesenanschlags an die Wittenberger Schlosskirche gelegt. Vier Jahre später war das Monument fertig gestellt. Mit einem Staatsakt wurde es feierlich bei Trompeten- und Paukenschall enthüllt, und die Bewunderung für Schadows Werk war groß. Am Reformationstag 1821 konnte das auf hohem Granitsockel stehende Monument samt Baldachin enthüllt werden. „Abends war die Stadt erleuchtet, das Denkmal mit flammenden Pechpfannen umstellt“, notierte der Bildhauer.

Vom preußischen Kronprinzen und ab 1840 König Friedrich Wilhelm IV. stammt die Idee, Luther unter einen gusseisernen Baldachin zu stellen. Der von Schadow überlieferte Einwand des Hofrats Alois Hirt, das sei unpassend, „denn Luther habe ja Licht verbreitet und das Gotische sei ein Rückschreiten in die finsteren Jahrhunderte“, wurde beiseite geschoben. So hat man den Reformator in der Tracht des 16. Jahrhunderts unter ein neogotisches Dach nach Schinkels Entwurf und damit gleichsam in einen geschlossenen Raum gestellt.

Zum Wittenberger Lutherdenkmal gesellte sich 1865 das von dem Berliner Bildhauer Friedrich Drake geschaffene Denkmal von Philipp Melanchthon. Um Einheitlichkeit zu wahren, wurde über dem „Lehrmeister Deutschlands“ und engsten Mitarbeiter Martin Luthers ebenfalls ein Baldachin errichtet, was auf lange Sicht gesehen für den Zustand der Bronzefiguren durchaus von Segen war. Das Wittenberger Lutherdenkmal war der Ausgangspunkt zahlreicher weiterer auf deutschen Marktplätzen sowie vor und in Kirchen aufgestellter Monumente zur Erinnerung an den Reformator, und man kann ohne Übertreibung sagen, dass Schadows Monument den Bann gebrochen hat, denn von nun an folgte Schlag auf Schlag überall im damaligen Deutschen Bund die Errichtung von Standbildern zur Erinnerung an berühmte und verdienstvolle Persönlichkeiten. Das 19. Jahrhundert wurde so zum Jahrhundert der Denkmäler, und dabei spielten die Luther, den „Lehrer der deutschen Nation“, wie Herder 1792 sagte, gewidmeten „Bildsäulen“ eine hervorragende Rolle.
Helmut Caspar

Fotos: Helmut Caspar, Reproduktion: Johannes Grützke

 

Adieu für Johannes Grützke

Von der Gründung unserer Gesellschaft 1993 bis zu seinem Tode am 17. Mai 2017 gehörte Johannes Grützke als stellvertretender Vorsitzender zur Schadow Gesellschaft Berlin e.V.

In die vierteljährlich stattfindenden Vorstandssitzungen brachte Grützke immer besondere Ideen für besondere Taten mit. Dabei war Grützke als Berliner Maler zwar ein großer Verehrer der Werke Johann Gottfried Schadows, trotzdem mochte er mit seiner Arbeit für die Schadow Gesellschaft nicht beim Bildhauer Schadow stehenbleiben, sondern wollte unablässig weitergehen, noch mehr erreichen. Seine absolut großartigen Vorstellungen einer Büstenstraße am Reichstag oder eines Georg-Elser-Denkmals endeten aber meist mit einem lapidaren, eher leisen und vornehmen: „Ich mein` ja nur.“

Grützkes Auftritte gaben den ansonsten bürokratisch-reglementierten Mitgliederversammlungen unerwartete Wendungen. Seine Reden und Theaterstücke trug er, der stets ganz in Weiß gekleidet erschien, manchmal im Verein mit Christoph Haupt, Zazie de Paris, Otto Sander, Conrad Wiedemann oder Hanns Zischler vor, oft auch mit Manfred Giesler. Leichthin wies der Künstler dann unsere Gedanken in andere Sphären, weil für ihn der „Gesellschaftszweck nur der Vorwand für geselliges Leben“ war und namentlich „Geselligkeit Schutz gegen Verbissenheit“ zu bieten hatte. Zuweilen kletterte er dafür auf einen Tisch oder eine Leiter, wo er von hoch oben rufen konnte: „Der Zweck des Kunstwerks ist nicht es selbst, sondern das Leben, und wie es über das Leben hinauskommt.“ Dafür zeichnete Grützke zahlreiche verrätselte Lithografien, die sich mit Schadows Werken und gleichermaßen mit dem (Künstler-)Dasein überhaupt beschäftigten – diese Blätter waren von ihm ausdrücklich als Jahresgabe für die Mitglieder gedacht, der Erlös kam den von unserem Geschäftsführer Klaus Gehrmann vorangebrachten Projekten und dem Wohl der Schadow Gesellschaft zugute.

Für viele unserer Mitglieder ist Johannes Grützke im Laufe der Zeit zum hochgeschätzten Freund geworden. Was wir ihm verdanken, lässt sich in Worte kaum fassen. Wir werden ihn nicht vergessen.

Dr. Claudia Czok
Stellvertretende Vorsitzende im Vorstand der Schadow Gesellschaft Berlin e.V.

Anspielungen auf Leben und Tod. Schadows Grabmal für Hans von Blumenthal

Schadows erste große Arbeit für König Friedrich Wilhelm II. war das 1790 aufgestellte, unerhört pompöse Grabmal für den jung verstorbenen Grafen Alexander von der Mark. Das Bildwerk in der Dorotheenstädtischen Kirche gehörte bald zu den sogenannten sieben Wunderwerken Berlins und das Parzenrelief daraus wurde seinerzeit durch Kopien und mit Druckgraphiken sehr bekannt.

Der 26jährige Hofbildhauer gewann damit einen Namen, der über Berlin hinaus trug.
Verständlich, dass er für das kurz darauf in Auftrag gegebene Kinder-Grabmal des Hans von Blumenthal erneut auf die einmal durchdachte Komposition mit den drei unerbittlichen Parzen, die alles Schicksalhafte im menschlichen Daseins bedeuten, zurückgriff. Durch Karl Philipp Moritz hatte er sich sicher bestärkt gesehen, denn der hatte gleich im Entstehungsjahr Schadows Grabmal mit den drei Schicksalsgöttinnen gelobt und gefunden, dass darin deren furchtbares Tun in ästhetisch vorbildlicher und schöner Gestaltung aufgehoben worden war, da alte mythologische Vorbilder neuzeitlich erfüllt worden waren.  (Abb.1: Grabmal des Grafen Alexander von der Mark in der Dorotheenstädtischen Kirche Berlin, 1790 )

Es war nun ein Ehepaar aus einem märkischen Adelsgeschlecht, das Schadow mit einem Kinder-Grabmal beauftragte: Graf Heinrich von Blumenthal (1765-1830), königlicher Kammerherr und Domkapitular zu Magdeburg, und seine Gemahlin Friederike (1769-1848) trauerten um ihren fünfjährig verstorbenen ältesten Sohn Hans (20.07.1789-4.10.1794). Nicht lange nach seinem Tode führte man dazu Verhandlungen mit Schadow, denn am 3. Januar 1795 wurde ein Vertrag abgeschlossen (Staatliche Museen Berlin – Zentralarchiv, Inventarnummer NL Sw 91). Schadow hatte zuvor einen Entwurf gezeichnet, der die Vereinbarungen bildlich festhielt. (Abb. 4) Bei Vertragsunterzeichnung erhielt der Künstler sogleich 100 von insgesamt 400 Talern – das Grabmal von der Mark dagegen hatte 8.000 Taler gekostet. Schadow hatte nun die „Errichtung und Ausarbeitung eines Monumento von Sandstein“ vorzunehmen und zwar nach der „bewilligten“ Zeichnung mit den „3 Parzen en basrelief“. Konkreter hieß das: die „saubere“ Ausführung des Ganzen in gutem und feinen Sandstein, die Lieferung von Klammern und Bleien, von Gips und ähnlichem, wenn es zum Einbau notwendig wäre, den eventuell gewünschten Anstrich mit Ölfarben, die Ausführung der Inschrift, die ihm später mitgeteilt wurde, das Einpacken wie das Auf- und Abladen der Teile und die Errichtung in der Horster Gutskirche. Der Bildhauer war nicht verantwortlich für etwaige Maurerarbeiten an einem eventuell nötigen Fundament, Holz- und Zimmererarbeiten beim Errichten wollte er auch nicht übernehmen. Die restlichen dreihundert Taler würden sofort nach Fertigstellung des Monuments gezahlt.

Das Sandsteinrelief mit den drei Schicksalsschwestern befindet sich heute noch in der Gutskapelle des ehemaligen Stammgutes Horst/Prignitz (damals Blumenthalsches Erbbegräbnis) (Abb.9).
Das Gut wurde 1810 verkauft und gehörte zuletzt bis 1945 zum Besitz der Familie von Möllendorff. 1996 konnten Ingrid und Eberhard von Lewinski, aus Pommern stammend und 1945 nach Schleswig-Holstein geflohen,  das Gut erwerben, wobei die Gutskirche Gemeinde-Eigentum blieb. 

Schadows Gesamtidee zum gesamten Grabmal war schlicht und hoheitsvoll. Das rund drei Meter hohe, von Pilastern eingefasste Monument wurde dreifach gegliedert: Unten ein Sockel mit den Lebensdaten des Verstorbenen (Abb. 3), darüber die Reliefplatte, oben die mit einem Rosenkranz geschmückte Giebel (Abb. 2), darin die Klage: „Ihr blühtet so schön und verwelktet so frueh“.

HANS CARL ADOLF MONTANG / GRAF VON BLUMENTHAL /
GEBOREN DEN 20TEN JULI 1789. / STARB DEN 14TEN OKTOBER 1794. / 
RUHT IN DFER GRUFT SEINER VAETER /
MIT IHM WURDEN VIELE WÜNSCHE DER MUTTER /
VIELE HOFFNUNGEN DES VATERS BEGRABEN



Das figürliche Flachrelief in der Mitte ist fast quadratisch, etwa ein mal ein Meter groß – in den Proportionen hatte sich der ausführende Bildhauergehilfe aus Schadows Werkstatt an den zeichnerischen Entwurf des Meisters gehalten (Berlin, Akademie der Künste, Kunstsammlung, Inv.Nr.176), doch viele Details haben sich verändert. Die Figuren erscheinen etwas gedrungener, die Faltenwürfe sind anders geformt, die Spindel bewegt sich scheinbar, Atropos‘ Gesicht ist weniger scharf charakterisiert, die untere  Inschrift ist verhältnismäßig größer ausgefallen. (Abb. 5)

Die über die Länge des Menschenlebens bestimmenden Göttinnen Lachesis, Clotho und Atropos sitzen auf einer Felsenbank: drei schöne Frauengestalten, drei verschiedene Lebensalter verkörpernd, die uns ihr grausam-unabwendbares Walten sehr würdevoll darbieten. Lachesis links führt mit melancholischer Geste zwei Finger über die Zeilen im Buch des Schicksals, die darüber erschreckende, sich über die Schulter wendende Clotho in der Mitte hält den vollen Spinnrocken, und die greise wie männlich herbe Atropos rechts erhebt gierig die furchtbare Schere, um den Lebensfaden abzuschneiden. Die eher ausgewogene Komposition der Frauen Figuren am Grabmal von der Mark ist hier so anverwandelt, dass sie spannungsvoller und akzentuierter wirkt, besonders Clothos fast tänzerische Bewegung verleiht dem erhabenen Ganzen zierliche Eleganz – was der dunklen Macht der Parzen entgegenwirken könnte und sie vielleicht leichter erträglich werden lässt. Clotho in der Mitte, mit der sich drehenden Spindel gerüstet, führt eine Art Weltachse inmitten von Raum und Zeit. Ihre engere Bindung zu Lachesis entsteht durch den scharf über die Schulter gewandten Kopf, als blickten beide in das Buch des Schicksals, entsetzt die eine, elegisch die andre. (Abb. 5, 6)

Überzeitlich, zugleich lehrhaft ist diese Allegorie, in der memento mori und carpe diem mitklingen, mehrdeutig zugleich, wenn das stets unabwendbare, zuweilen furchtbare Fatum von der Hand schöner Frauen getan wird. So blieb das Parzenbild nicht an das Grabmal im Kirchenraum gebunden, konnte gleichermaßen als autonomes Kunstwerk gelten. Das anspielungsreiche Bildwerk wurde dann offenbar hoch geschätzt, denn Schadow oder dessen Nachfahren? brachten einen Abguss davon im Eingangsflur des Schadow Hauses an (Hans Mackowsky, Die Bildwerke Gottfried Schadows, Berlin 1951, S. 88). Deshalb hat die Schadow Gesellschaft Berlin neuerdings bewirkt, dass ein extra angefertigter Gipsabguss davon – als eine von ihr kommende Schenkung an den Deutschen Bundestag – nach der jetzt vollendeten Restaurierung des Hauses dort wieder zu sehen ist
.

Dabei blieb es nicht. Die Schadow Gesellschaft Berlin besuchte 2007 Schloss Bellevue, Sitz des Bundespräsidenten, das mit vielen Kunstwerken deutscher Künstler aus Vergangenheit und Gegenwart kostbar ausgestattet ist. Von den älteren Berliner Künstlern sind etwa Rauch und Schinkel, Krüger und Menzel vertreten. So schlug die Schadow Gesellschaft Berlin vor, dass auch „ihr“ Schadow hier zu sehen sein sollte und bei Gesprächen im Bundespräsidialamt stellte sich heraus, dass sogar ein „Schadow-Zimmer“ denkbar wäre. Das Konzept dafür wurde von der Verfasserin des Artikels erarbeitet  – wurde jedoch nicht umgesetzt, da kein Künstler bisher solch eine Einzel-Würdigung erfahren hatte. Stattdessen sollte ein hervorragendes Werk Schadows in der Eingangshalle des Schlosses platziert werden, dort, wo sich die Staatsgäste in das Besucherbuch eintragen. (Abb. 7) Schnell wurde an das Blumenthaler Parzenreliefs gedacht, von dem ja die Gipsformerei der Staatlichen Museen Berlin in Horst bereits eine Abformung angefertigt hatte. Der Geschäftsführer der Schadow Gesellschaft Berlin Klaus Gehrmann hatte das Bildwerk in Horst zuvor „wiederentdeckt“, und es ist seiner tätigen Begeisterung für diese drei göttlichen Frauen zu verdanken, dass sie heute im Schloss Bellevue mit Lebensfaden und  Todesschere an die Endlichkeit des irdischen Daseins erinnern.

Ein weiteres Werk Schadows kann man im Park des Schlosses Bellevue  besichtigen, es ist der seit seiner Entstehung 1805 dort aufgestellte Marmor-Gedenkstein für die Goldene Hochzeit des Prinzen Ferdinand von Preußen, gestiftet von seinen Kindern (Abb.  8), (vgl. auch: Claudia Czok, Plastik aus Horst jetzt im Schloss Bellevue, in: Märkische Allgemeine Zeitung vom 12.2.2008).
         
Bis heute konnte Schadow seine drei Töchter des heidnischen Zeus an die unterschiedlichsten Orte bringen: Nicht nur in die Berliner  Dorotheenstädtischen Kirche und in die brandenburgische Horster Gutskirche, in sein Berliner Künstlerhaus, zum Bundespräsidenten nach Schloss Bellevue und in die Berliner Nationalgalerie, wo das Grabmal von der Mark heute zu sehen ist, sondern damals wie heute auch mehrfach  in Berliner Privatbesitz. Wo immer man auf Schadows Werke trifft: Im Betrachten wird man in eine der gewaltigsten Umbruchzeiten Europas mit Französischer Revolution und Napoleonischen Kriegen zurückversetzt, mag empfinden, wie klar daran die antikischen Ideale deutscher Kunst der Goethezeit zutage treten. Längst hat sich Schadows Wirken ins Heute verlängert, zuerst, da seine wieder auf dem Brandenburger Tor thronende Quadriga 1814 zum Symbol des Sieges über Napoleon wurde, 1989 schließlich, als sie zum Wahrzeichen wiedergewonnener deutscher Einheit erklärt wurde. Anders als dieses politisch gewichtige Merkzeichen berühren die Parzen bis heute: Das von Schadow damals erdachte Bild vom Lebensfaden, den göttlich-fremde Mächte unerbittlich spinnen – von der Fragilität unserer Existenz stammt zwar aus der Antike und ist doch im Wort vom seidnen Faden, an dem unser Leben hängt, bis heute geblieben. Der Bildhauer Schadow schien dem Dichter Karl Philipp Moritz und seinen Worte über die Parzen dessen 1791 erschienener „Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten“ gefolgt zu sein, der dort nebenher über die Fährnisse menschlichen Seins sinniert hatte  (S. 34-35): 

„Die Parzen bezeichnen die furchtbare, schreckliche Macht, der selbst die Götter unterworfen sind, und sind doch weiblich und schön gebildet, spinnend, und in den Gesang der Sirenen stimmend.
Alles ist leicht und zart bei der unbegrenzten höchsten Macht. Nichts Beschwerliches, Unbehülfliches findet hier mehr statt; aller Widerstand des Mächtigen erreicht auf diesem Gipfel seine Endschaft. Es bedarf nur der leichtesten Berührung mit den Fingerspitzen, um den Umwälzungen der Dinge ihre Bahnen, dem Mächtigen seine Schranken vorzuschreiben. Es ist die leichteste Arbeit von weiblichen Händen, wodurch der geheimnisvolle Umlauf der Dinge gelenkt wird. Das schöne Bild von dem zart gesponnenen, mit der leichtesten Mühe zerschnittenen Lebensfaden ist durch kein anderes zu ersetzen. –  Der Faden reißt nicht, sondern wird von der Hand der Parze mit dem trennenden Eisen durchschnitten. – Die Ursache des Aufhörens liegt in der Willkür der höhern Mächte, bei denen das schon fest beschlossen ist, was Götter und Menschen noch zu bewirken oder zu verhindern sich bemühen.“

Dr. Claudia Czok, Mitglied des Vorstands


Die Gutskirche in Horst wird in den kommenden Jahren weiter  in der baulichen Substanz gesichert werden.  Das Grabmal des Grafen Hans von Blumenthal in der Gutskirche wird von der Schadow Gesellschaft Berlin e.V.  nach den Plänen und Kostenvoranschlägen der renommierten  RMS-Restaurierungsgesellschaft mbH Berlin vom 18.07.2013 restauriert. Die Kosten werden insgesamt auf ca. 10.000 Euro geschätzt. Begonnen wurden die Arbeiten im  Juli  2013. Viele Sponsoren und Sympathisanten der Schadow Gesellschaft Berlin e.V. unterstützen das Projekt in Horst bei Blumenthal.
 
» Beitrag als PDF