Monat

April 2026

Spandauer Zitadelle bietet Skulpturen neue Heimat

Johann Gottfried Schadows Münzfries wird bald in der Bastion Königin restauriert.

Die Berliner Kulturlandschaft, und nicht nur sie, leidet unter kaum zu ertragenden Sparzwängen. Mehrere Milliarden Euro müssen in allen Ressorts aufgebracht und eingespart werden, auch im Kulturbereich. Betroffen sind hier Theater und Opern, die Freie Szene und die Museen. Sie alle müssen sich auf harte Zeiten einstellen. Da ist es gut zu wissen, dass die Spandauer Zitadelle jeden Sonntag bei freiem Eintritt besucht werden kann. Auf dem weitläufigen Gelände hinter dem mit dem kurbrandenburgischen Wappen geschmückten Eingangsgebäude finden regelmäßig Konzerte und Volksfeste statt, und auch das gastronomische Angebot lockt viele Gäste an.

Schadow Gesellschaft Berlin: Schadow - Münzfries
Schadow Gesellschaft Berlin: Schadow - Münzfries
Schadow Gesellschaft Berlin: Schadow - Münzfries
Schadow Gesellschaft Berlin: Schadow - Münzfries
Schadows Münzfries gibt es zweimal in Berlin – das Original in den Katakomben des Kreuzbergdenkmals und bald auch in der Spandauer Zitadelle und an der Fassade der ehemaligen DDR-Münze am Molkenmarkt im Zentrum der Stadt.

Die Festungsanlage ist ein Museumssandort der Extraklasse, quasi eine Museumsinsel der etwas anderen Art. Gezeigt werden Zeugnisse der Stadt-, Rüstungs-, Industrie- und Filmgeschichte. In einzelnen Gebäuden wird die Geschichte der Stadt und Zitadelle Spandau und der Region anhand von archäologischen Fundstücken sowie Skulpturen, Gemälden und Grafiken, aber auch von Erzeugnissen aus der Industrie und dem Handwerk erzählt. In der ehemaligen Exerzierhalle sind historische Kanonen ausgestellt, und im früheren Proviantmagazin werden Skulpturen aus Marmor, Sandstein und Bronze aus dem 18. bis 20. Jahrhundert gezeigt, die aus politischen, konservatorischen und anderen Gründen von Berliner Straßen und Plätzen genommen und in einem extra für sie geschaffenen Lapidarium eine neue Heimstatt fanden. Ausgestellt sind hochkarätige Bildhauerarbeiten von der in der Kaiserzeit errichteten Berliner Siegesallee, aber auch Zeugnisse politischer Staatskunst aus der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR. Als Neuzugänge sind die so genannten Thorak-Pferde aus Bronze zu sehen, die ursprünglich Hitlers Reichskanzlei schmückten und nach einer wahrhaft filmreifen Irrfahrt hier Asyl fanden.

In Kürze sollen die seit Jahrzehnten in den Katakomben des Kreuzbergdenkmals deponierten Reliefs von Johann Gottfried Schadows Münzfries zu Bastion Königin transportiert und in einem großen Gewölbe unter den Augen der Besucher begonnen werden Platte für Platte zu reinigen und zu restaurieren. Die Schadow Gesellschaft Berlin und die Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin betreuen das Projekt und freuen sich, dass das klassizistische Bildwerk, das vor über 200 Jahren die Fassade der Alten Münze auf dem Friedrichswerder unweit des Berliner Schlosses schmückte, aus dem Dornröschenschlaf erweckt wird. Viel zu lange war das Meisterwerk der Bildhauerkunst um 1800 den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Nun besteht die Chance, die vom „Zahn der Zeit“ lädierte Bilderfolge mit Szenen aus dem Bergbau, der Metallverarbeitung und Münzprägung, aber auch aus der Landwirtschaft, dem Handel und Anhäufen von Schätzen ganz nahe, quasi Aug in Auge zu betrachten und Feinheiten der einmaligen Bildhauerarbeit zu studieren. Die in die Front der ehemaligen Reichsmünze und nach dem Zweiten Weltkrieg Münze der DDR am Molkenmarkt in Berlin-Mitte eingelassene Kopie aus den 1930er Jahren reicht an das Original nicht heran.

Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau
Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau
Die Zitadelle Spandau bietet weiterhin kostenfreie Kulturangebote für alle an und verzichtet nicht auf den kostenfreien Museumsbesuch stets am ersten Sonntag im Monat. Schon von weitem ist der zinnenbewehrte Juliusturm zu sehen, in dem während der Kaiserzeit der Reichskriegsschatz sicher verwahrt war.
Schadow Gesellschaft Berlin: Lapidarium: Reste der um 1900 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. aufgestellten Berliner Siegesallee
Schadow Gesellschaft Berlin: Lapidarium: Reste der um 1900 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. aufgestellten Berliner Siegesallee
Reste der um 1900 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. aufgestellten Berliner Siegesallee – hier Friedrich II., der Große, im Kreis seiner Vorfahren und Nachfolger – und weitere Skulpturen. Darunter befindet sich das ehemals im Tiergarten aufgestellte Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise fanden im Lapidarium Asyl.

Spandau war bis zur Bildung von Groß-Berlin 1920 eine selbstständige Stadt. Die Eingliederung in Reichshauptstadt verlief hier und auch in anderen Kommunen wie Charlottenburg, Wilmersdorf oder Köpenick nicht ohne Komplikationen. Gut mit der S-Bahn und der U-Bahn zu erreichen, sind Spandau und seine Zitadelle zu jeder Jahres- und Tageszeit eine Reise wert. Die im 16. Jahrhundert nach Plänen des italienischen Festungsbaumeisters Rochus von Lynar erbaute Festung ist nicht nur die am besten erhaltene Anlage dieser Art weit und breit, sondern auch ein beliebtes Touristenziel. Im Hauptgebäude wird das unter anderem das Befestigungsprogramm der brandenburgischen Kurfürsten im 16. und 17. Jahrhundert dokumentiert.

Manche Besucher fragen, warum der Juliusturm mit einer ungewöhnlich starken Tresortür gesichert ist und erfahren, dass in dem Gemäuer aus dem späten 16. Jahrhundert von 1874 bis 1919 der Reichskriegsschatz eingelagert war. Ein Gesetz hatte 1871 festgelegt, dass das Deutsche Reich eine Goldreserve von 40 Millionen Talern beziehungsweise 120 Millionen Mark „zu Ausgaben nur für Zwecke der Mobilmachung“ anlegt. Die für den Reichskriegsschatz verwendeten Goldmünzen zu 20 und zu zehn Mark waren 1873 in einem großen Kraftakt in Berlin mit dem Kopf Kaiser Wilhelms I. geprägt worden. Das Geld wurde in 1200 Kisten mit je 100 000 Mark verpackt und im Juliusturm verwahrt. Ursprünglich sollte der Goldschatz in einem Keller des Berliner Schlosses eingelagert werden. Dann aber wurde entschieden, dass er im besser gesicherten Juliusturm der Spandauer Zitadelle aufbewahrt werden soll. Er wurde zum Inbegriff für sicher verwahrtes, aber unproduktives Staatsvermögen. Bereits in der Kaiserzeit wurde bemängelt und auch vorgerechnet, dass man die vielen Gold-Millionen besser mit anlegen könnte. Die Reichsregierung ließ aber nicht mit sich reden.

Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau, U-Bahnhof, Lageplan
Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau
An den Wänden des U-Bahnhofs Zitadelle kann man auf Reproduktionen alter Lagepläne sehen, dass Spandau von Bastionen und Wasser umgeben war (und ist). Brandenburgische Fürsten und ihre Begleiter und preußische Könige, die einst die Berliner Siegesallee schmückten, können im Lapidarium auf der Spandauer Zitadelle besichtigt werden.
Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau
Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau, mittelalterliche Mauerreste
Die von starken Mauern und einem Wassergraben geschützte Zitadelle am Rande der Stadt Spandau war Kaserne, Staatsgefängnis und Schatzkammer der Kurfürsten von Brandenburg und Könige von Preußen. Daran erinnern verschiedene Gebäude und ihre Ausstellungen. In der ehemaligen Exerzierhalle sind historische Waffen und Kanonen ausgestellt. Daneben ist die Stadt- und Regionalgeschichte zuhause. Mittelalterliche Mauerreste zeigt das „Archäologische Fenster“.

Für diesen Standort gab es gute Gründe, denn die Anlage war (und ist) von Wasser umgeben, wurde von Soldaten schwer bewacht und galt als sicherer als das Berliner Stadtschloss, bei dem man nicht immer wissen konnte, wer dort ein und aus geht. Um den 32 Meter hohen Juliusturm für seine neue Aufgabe zu ertüchtigen, waren zahlreiche Umbauarbeiten nötig. Aus Sicherheitsgründen hat man eine Kaminnische zugemauert, weil man befürchtete, Diebe könnten durch den Schlot einsteigen. Nach dem Ersten Weltkrieg musste das Deutsche Reich den 1913 mit Blick auf kommende Konflikte noch einmal um 120 Millionen Mark aufgestockten Reichskriegsschatz aufgrund des Versailler Vertrags an Frankreich abgeben. Unser Nachbarland hatte nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 Entschädigungen im Wert von fünf Milliarden Francs an das neue deutsche Kaiserreich zahlen müssen.

Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau
Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau, glasierte Ofenkacheln
Bei Ausgrabungen entdeckte Keramikgefäße, aber auch farbig glasierte Ofenkacheln mit bunten Bildnissen und viele andere Fundstücke werden im „Archäologischen Zeitfenster“ gezeigt.

Nur wenige Schritte vom Juliusturm kann man in die älteste Vergangenheit von Spandau eintauchen. In einem Schauraum können sie Ergebnisse archäologischer Grabungen aus Keramik, Stein, Metall und anderem Material betrachten. Zu sehen sind ferner Reste einer slawischen Holz-Erde-Mauer sowie einer steinernen Burgmauer und der Schlossanlage aus der Renaissancezeit. In dem Archäologisches Fenster genannten Gewölbe sind jüdische Grabsteine aufgestellt. Nach einem Pogrom und der Vertreibung der Juden vor über 500 Jahren hat man die Steine als Baumaterial für die Befestigungsanlagen benutzt. Von Archäologen ausgegraben, erzählen sie vom Leben der Juden im mittelalterlichen n Spandau, das erst unterm Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm um 1670 wieder geduldet wurde. Dass man die alten Steine vermauert hat, sicherte ihnen das Überleben bis heute.

Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau, Skulptur Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee
Schadow Gesellschaft Berlin: Zitadelle Spandau, Kopf des Lenin-Denkmals
Die Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee der DDR aus Bronze und der Kopf des Lenin-Denkmals vom damaligen Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen) werden im Lapidarium der Spandauer Zitadelle gezeigt.

Die in einem ehemaligen Magazingebäude aufgestellten Standbilder brandenburgischer Markgrafen und Kurfürsten sowie preußischer Könige aus Marmor mit all ihren Ministern und Militärs wurden von Kaiser Wilhelm II. als „Ehrengeschenk“ an die Berliner in Auftrag gegeben, von diesen aber als Puppenallee und Marmorameer verspottet. Das Ensemble schmückte den Berliner Tiergarten, überstand stark beschädigt den Zweiten Weltkrieg und wurde zunächst im Garten des Schlosses Bellevue vergraben. Nachdem die Arbeiten namhafter Bildhauer der Kaiserzeit wieder ans Tageslicht gelangt waren, hat man sie provisorisch in einem ehemaligen Wasserwerk am Halleschen Ufer im Bezirk Kreuzberg aufgestellt. Der Umzug in der Spandauer Zitadelle ging einher mit einer Neubewertung der beschädigten Figurenfolge, die in der Zitadelle eine neue Heimat fand.

 


Text und Fotos: Helmut Caspar

Dorotheenstädtischer Friedhof

Am 5. März 2026 führte Dr. Jörg Kuhn die Schadow-Gesellschaft durch den Dorotheenstädtischen Friedhof. Dieser Gottesacker, gelegen zwischen Chausseestraße und Hannoversche Straße, ist die letzte Ruhestätte von zahlreichen Berliner Berühmtheiten.

Schadow Gesellschaft Berlin: Führung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Herr Dr. Kuhn zeichnete zunächst die Geschichte von Dorotheenstadt und Friedrichswerder (beides Neugründungen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts) nach und machte deutlich, welche Bedeutung die mit dem Toleranzedikt von Potsdam nach Brandenburg eingewanderten Hugenotten für diese Stadtteile hatten (heute noch gibt es direkt neben dem Dorotheenstädtischen auch noch den Französischen Friedhof).

Der ursprüngliche Friedhof lag übrigens nicht an der heutigen Stelle, sondern dort, wo sich heute der Friedrichstadt-Palast erhebt. Erst später, als der Platz knapper wurde, wurde das jetzige, damals vor der Stadt gelegene Gelände gepachtet (der Eigentümer war offenkundig dankbar, dass ihm das unfruchtbare Land nun Gewinn brachte).

Die Grabmäler stammen im Wesentlichen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Für unsere Gesellschaft hervorzuheben ist selbstverständlich das Begräbnis von Johann Gottfried Schadow, direkt neben einem (allerdings heute verschlossenen) Eingangstor gelegen. Auch Christian Daniel Rauch hat dort seine letzte Ruhestätte gefunden, ebenso der Architekt Schinkel, die Dichter Heinrich Mann, Christa Wolf oder Heiner Müller (auf dem Grab des Letzteren ist übrigens eigens ein Aschenbecher installiert, war Müller doch leidenschaftlicher Zigarrenraucher).

Herr Dr. Kuhn verstand es nicht nur, die Geschichte der Grabmäler zu erläutern (nicht wenige der Skulpturen und Plastiken sind heute Kopien, da sie zwischenzeitlich gestohlen worden waren), sondern auch lebhaft Details der Geschichte und Anekdoten über die dort Beigesetzten zu vermitteln. So erfuhren wir auch, dass die größten Grabplatten Berlins auf der letzten Ruhestätte von Ernst Litfaß (dem Erfinder der gleichnamigen Säulen) liegen.

Herr Dr. Kuhn, beruflich tätig für den Evangelischen Friedhofsverband Berlin, Stadtmitte Region Süd, und langjähriges Mitglied unserer Gesellschaft, ist ein profunder Kenner dieses Aspekts der Berliner Kultur-, Sozial- und Kunstgeschichte. Die Teilnehmer der Veranstaltung waren für die Fülle der Eindrücke und Informationen sehr dankbar.

Schadow Gesellschaft Berlin: Dorotheenstädtischer Friedhof, Turrell-Kapelle
Schadow Gesellschaft Berlin: Dorotheenstädtischer Friedhof, Turrell-Kapelle

Im Anschluss ermöglichte uns Herr Apostolos Tsolakidis (Koordinator für Kunstvermittlung und Kulturarbeit) an einer Präsentation der Turrell-Kapelle teilzunehmen.

Der amerikanische Künstler James Turrell hat die in den 1920er Jahren errichtete Friedhofskapelle zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit einer höchst beeindruckenden Lichtinstallation ausgestattet. Die einfallende Dämmerung gab uns beste Gelegenheit, die wechselnde Farb- und Lichtwirkung dieses Kunstwerks zu erleben, wofür wir ebenfalls sehr herzlich danken.

 


Text: Bernd Lindemann
Fotos: Knud Petersen

Ruhm und Vergänglichkeit

Beim Besuch der erneuerten Hohenzollerngruft im Berliner Dom notiert.

Berlin hat eine neue Attraktion, genauer gesagt, eine neue und zugleich alte Attraktion in Gestalt der im Untergeschoss des Doms am Lustgarten eingerichteten der Hohenzollerngruft. Die Sanierung, Restaurierung und Neuaufstellung der 91 Särge brandenburgischer und preußischer Herrscher und ihrer Familienangehörigen aus fünf Jahrhunderten wurde Ende Februar 2026 abgeschlossen, und tausende Besucherinnen und Besucher folgten der Einladung der Oberpfarr- und Domkirche zu einem kostenlosen Besuch der 1400 Quadratmeter großen, schwach beleuchteten Grablege. Sie gehört zu den bedeutendsten Anlagen dieser Art in Europa, ist aber in Berlin und bei seinen Gästen weitgehend unbekannt. Im Herzen der Stadt gelegen, zählt die für Gottesdienste, Konzerte und offizielle Staatsakte genutzte Kirche zu den prachtvollsten Sakralbauten unseres Landes und ist eine bedeutende Andachtsstätte und Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt mit jährlich hunderttausenden Besuchern. Von der Balustrade unter der gewaltigen Kuppel hat man einen wunderbaren Blick auf die City und angrenzende Bezirke. Im Inneren ziehen Skulpturen, farbige Mosaiken und Fenster, der Altar und die Orgel und seitlich aufgestellt Prunksarkophage von der Renaissance bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert bewundernde Blicke auf sich.

Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Dom
Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollerngruft
Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollerngruft
Ziemlich unaufgeräumt und vernachlässigt zeigte sich die Hohenzollerngruft im alten Dom am Lustgarten. Im 1905 eingeweihten Neubau hat man die Prunksärge in der so genannten Denkmalkirche neu aufgestellt. Da es diesen Anbau nicht mehr gibt, hat man ihnen neue Plätze unter dem Gottesdienstraum zugewiesen.

Den Auftrag zu dem repräsentativen Bau- und Kunstdenkmal gab Kaiser Wilhelm II. Von 1893 bis 1905 nach Plänen von Julius Carl Raschdorff in Formen der Neorenaissance und des Neobarock errichtet, besteht der Dom aus der Predigtkirche, der Tauf- und Traukirche, dem Dommuseum und der Hohenzollerngruft. Nach elfjähriger Bauzeit war der am 27. Februar 1905 von Wilhelm II. und seiner Gemahlin Auguste Victoria im Beisein der „Spitzen des Reiches“ mit militärischem Gepränge eingeweiht worden. Seine Majestät wurde beim Festakt mit schmeichlerischen Worten als Schöpfer des Doms bezeichnet. Der Architekt Julius Carl Raschdorff, der sich zahlreichen Änderungswünschen des Kaisers beugen musste, wurde bei dem Festakt nur am Rande erwähnt und erhielt den Titel eines Geheimen Oberregierungsrates.

Nach dem Ende der Monarchie im November 1918 gab es den Wunsch, den wie aus der Zeig gefallenen Prunkbau abzureißen oder wenigstens seines üppigen Skulpturenschmucks zu entkleiden. Aus Kostengründen hat man auf diesen Bildersturm verzichtet. Als es seit den 1980er Jahren an den Wiederaufbau und die Restaurierung des im Zweiten Weltkrieg stark beschädigten Doms ging, wurde alles unternommen, den alten Zustand außen und innen wiederherzustellen. Lediglich hat man die Riesenkuppel und die Kuppeln auf den Seitentürme in reduzierter Form neu gebaut. Die Kirche spiegelte sich sehr zum Ärger von Honecker & Co. in den Fenstern des benachbarten Palasts der Republik. Während dieser in den 1990er Jahren abgerissen wurde, um Platz für das Humboldt Forum zu machen, gingen die Wiederherstellungs- und Restaurierungsarbeiten im Inneren zügig voran. Alte Zeichnungen, Fotos und Modelle leisteten bei dieser komplizierten Arbeit gute Dienste.

Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollernsärge
Frisch restauriert, demonstrieren die Hohenzollernsärge Ruhm, Glanz und Vergänglichkeit auch in den höchsten Kreisen des Landes. Geschmückt mit Kronen, Zeptern, Adlern, Lorbeerzweigen und anderen Emblemen, werden sie im Rahmen einer Besichtigungstour quer durch den Berliner Dom gezeigt. Foto: Berliner Dom

Verloren gegangen ist die im Krieg stark beschädigte Denkmalkirche. Ihre Rettung hielt die DDR-Regierung für unnötig, und so wurde sie Ende Oktober 1975 abgerissen. Ihre Konturen sind an der Fassade des Doms zur Museumsinsel hin zu erkennen. An ihren Wiederaufbau ist auf lange Zeit nicht zu denken, denn die Domkirche wäre finanziell überfordert. Sie bekam für die Instandsetzung der Gruft und Neuausrichtung der Särge für knapp 30 Millionen Euro bedeutende Zuschüsse vom Bund und dem Land Berlin sowie von Stiftungen und privaten Spendern und hat lange Zeit mit der Erneuerung der in die Jahre gekommenen Infrastruktur des Gotteshauses alle Hände voll zu tun.

Die 91 Särge und drei Skulpturen, die 1999 der Öffentlichkeit in den dunklen Katakomben des Berliner Doms zugänglich gemacht worden waren, hat man nach Schließung der Gruft im April 2020 verpackt und an einen sicheren Ort gebracht. Vorsicht war geboten, denn die Särge hatten bereits einige Umzüge hinter sich – so von der mittelalterlichen Kirche des Domstifts am Schloss in den 1750 nach Plänen von Johann Boumann dem Älteren und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbauten neuen Dom am Lustgarten über eine interimistische Unterbringung im Monbijou-Park bis zur heutigen Gruft in dem riesigen Gotteshaus aus der Zeit Kaiser Wilhelms II.

In der Ausstellung ist zu erfahren, dass bei den Hohenzollern, und nicht nur bei ihnen, die Kindersterblichkeit sehr hoch war. Dass in der Herrscherfamilie zeitweilig mehr Kinder starben im Durchschnitt der Bevölkerung, hatte mehrere Gründe. Am fürstlichen Hof erhielten Säuglinge meist keine Muttermilch. Stattdessen wurden sie von Ammen gestillt. Häufig bekamen sie viel zu früh feste Nahrung. Außerdem verbreiteten sich damals selbst am Hof zu Berlin Infektionskrankheiten durch mangelnde Hygiene besonders leicht. Die damalige Medizin konnte wenig helfen.

Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollerngruft - Zeichnung
Schadow Gesellschaft Berlin: Sarg des 1797 verstorbenen Königs Friedrich Wilhelm II.
Ex-Kaiser Wilhelm II. behielt sich vor, wie die Gruft auszusehen hat und wer sie besuchen dar. Auf der Zeichnung hat er 1935 die Position der Särge in der Gruft genehmigt. Nur noch ein Haufen Metall blieb vom Sarg des 1797 verstorbenen Königs Friedrich Wilhelm II. übrig. Aber auch er ist würdig aufgebahrt.

Der Erhalt der Dynastie aber war oberstes Ziel des Herrscherhauses und ließ sich nur mit zahlreichen Nachkommen sichern. Das Überleben der Fürstenhäuser und damit auch der Hohenzollern hing davon ab, ob die Thronfolge durch Prinzen, nicht von Prinzessinnen gesichert ist. Es kam vor, dass Dynastien ausstarben, weil sie keine männlichen erben hatten. Daraus entwickelten sich, unvorstellbar für uns heute, regelrechte Erbfolgekriege. Als Königin Sophie Dorothea wieder einmal „nur“ ein Mädchen zur Welt brachte, reagierte ihr Ehemann, Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., ungehalten. Fast immer waren die Abstände zwischen den Schwangerschaften kurz, dies schwächte in vielen Fällen Mutter und Kind.

Hohenzollerngruft - Kindersarg
Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollerngruft - Kindersarg
Auch im Hause Hohenzollern war die Kindersterblichkeit hoch. Von den 91 bergen 31 die sterblichen Überreste tot geborener oder früh verstorbener Prinzen und Prinzessinnen.

Beim Tod von Fürstenkindern galten spezielle Trauerregeln, man hat sie gar nicht oder nur kurze Zeit öffentlich betrauert. Die Särge sind wie die der Erwachsenen prunkvoll gestaltet und bezeugen die hochherrschaftliche Abstammung der Toten. Nicht selten haben die Mütter von ihren toten Kindern aus Wachs modellierte Skulpturen anfertigen lassen, wie ein Exponat in der Hohenzollerngruft zeigt. Kein geringer als der Bildhauer und Schlossbaumeister Andreas Schlüter schmückte den Sarg des nur wenige Monate alt gewordenen Friedrich Wilhelm, Sohn des späteren Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., mit der Figur eines Säuglings.
Das Berliner Landesdenkmalamt und die Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin brachten 2005 im Deutschen Kunstverlag München-Berlin das Buch „Die Hohenzollerngruft und ihre Sarkophage. Geschichte, Bedeutung, Restaurierung“ heraus. Unter dem Motto „Alle Erinnerung ist Gegenwart“ wird ausführlich geschrieben, wie sich die Gestaltung der Sarkophage im Laufe von fünf Jahrhunderten gewandelt hat, welche Zeremonien bei fürstlichen Begräbnissen stattfanden und welche restauratorischen Maßnahmen bei einzelnen Sarkophagen angewandt wurden. Zu erfahren ist auch, welche Grabbeigaben gesichert wurden, und zum Schluss listet das Buch in chronologischer Reihenfolge auf, wer in welchen Sarkophagen liegt und was sie uns heute zu sagen haben.

Schadow Gesellschaft Berlin: Friedrich der Große ließ den Sarg des 1688 verstorbenen Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm öffnen.
Schadow Gesellschaft Berlin: Sarg Kurprinzessin Elisabeth Henriette
Friedrich der Große ließ den Sarg des 1688 verstorbenen Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm öffnen. „Der hat viel getan“ soll der König gesagt haben, der auf den berühmten Ahnherren besonders stolz war. Der auf Löwen ruhende Sarg mit zwei Kronen wurde für die 1683 verstorbene Kurprinzessin Elisabeth Henriette, erste Gemahlin des Kurprinzen Friedrich, ab 1688 Kurfürst von Brandenburg und ab 1701 König in Preußen.
Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollernsärge
Schadow Gesellschaft Berlin: Hohenzollernsärge
Die Hohenzollern wandten viel Mühe auf, um ihre Toten würdig zu bestatten. Die Gruft im Berliner Dom wurde in einen angemessenen Zustand versetzt, und man kann in aller Ruhe auch erfahren, welcher Aufwand bei fürstlichen Begräbnissen betrieben wurde.

Beim Rundgang durch das Grabgewölbe ist zu sehen, dass die mal prunkvoll, mal ganz einfach gestalteten Särge aus Stein, Metall und Holz mit den sterblichen Überresten von Kurfürsten und Kurfürstinnen, Königen und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen neu analog zur Anordnung bis zum Zweiten Weltkrieg aufgestellt sind. Durch Bombeneinschlag beschädigt und später durch Vandalismus geschändet und beraubt, bot die Gruft jahrzehntelang ein Bild des Jammers. Kaum jemand hatte Zutritt, doch was sie berichteten, war wie auch der Zustand des kriegsbeschädigten Doms ausgesprochen unerfreulich. Im Zusammenhang mit der Sicherung und Erneuerung des kaiserzeitlichen Prunkbaus wurde auch in der Hohenzollerngruft Ordnung und Übersicht hergestellt. Wer sie vor der Schließung2020 besichtigt hat, fühlte sich irgendwie in dem schwach beleuchteten Raum ohne Klimaanlage unwohl. Durch Atemluft und Ausdünstungen gab es eine hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme sowie Schimmel- und Insektenbefall, die den Särgen, ob sie aus Zinn, Marmor oder Holz bestehen, nicht gut taten, weshalb an diesem unersetzlichen Kulturgut gehandelt werden musste.

Das Berliner Landesdenkmalamt und die Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin brachten 2005 im Deutschen Kunstverlag München-Berlin das Buch „Die Hohenzollerngruft und ihre Sarkophage. Geschichte, Bedeutung, Restaurierung“ heraus. Unter dem Motto „Alle Erinnerung ist Gegenwart“ wird ausführlich geschrieben, wie sich die Gestaltung der Sarkophage im Laufe von fünf Jahrhunderten gewandelt hat, welche Zeremonien bei fürstlichen Begräbnissen stattfanden und welche restauratorischen Maßnahmen bei einzelnen Sarkophagen angewandt wurden. Zu erfahren ist auch, welche Grabbeigaben gesichert wurden, und zum Schluss listet das Buch in chronologischer Reihenfolge auf, wer in welchen Sarkophagen liegt und was sie uns heute zu sagen habe.

Schadow Gesellschaft Berlin: Stern des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler
Schadow Gesellschaft Berlin: Sarg des 1758 verstorbenen Prinzen August Wilhelm
In einem Seitenraum der Hohenzollerngruft wird die Geschichte der Hohenzollern-Dynastie und die Art der Bestattung ihrer Angehöriger berichtet. Man kann auch sehen, was bei Restaurierungsarbeiten gefunden wurde. Hier der Stern des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler aus dem Sarg des 1758 verstorbenen Prinzen August Wilhelm.
Schadow Gesellschaft Berlin: Teilweise vergoldeter Sarg neben einem Kindersarg aus Zinn
Schadow Gesellschaft Berlin: Sarg Prinz August Ferdinand
Der teilweise vergoldete Sarg neben einem Kindersarg aus Zinn birgt die Gebeine des 1674 mit 19 Jahren verstorbenen Kurprinzen Carl Emil. Daneben der Holzsarg des 1813 verstorbenen Prinzen August Ferdinand, Sohn des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. und Bruder von Friedrich II., dem Großen.
Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Dom - Fragment ehemalige Denkmalkirche
Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Dom - Fragment ehemalige Denkmalkirche
Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Dom - Fragment ehemalige Denkmalkirche
Konstruktion und Ausstattung der ehemaligen Denkmalkirche sind gut dokumentiert. Beim Abriss waren zahlreiche Bildhauerarbeiten geborgen worden. Einige sind vor dem Eingang zum Berliner Dom als Mahnung aufgestellt, den verlorenen Bau eines Tages wieder zu errichten.

Da die Pflege und der Unterhalt des Berliner Doms und auch der Hohenzollerngruft viel, sehr viel Geld kostet und die kleine Domgemeinde die Mittel trotz großer staatlicher Zuschüsse allein nicht aufbringen kann, muss für die jetzt barrierefrei gewordene Besichtigung 15 Euro Eintritt bezahlt werden. Beim Gottesdienst und beim Besuch der als Raum der Stille genutzten Tauf- und Traukirche fallen solche Zahlungen nicht an.

 


Text und Fotos: Helmut Caspar