Monat

Februar 2026

Ausstellungsbesuche

Mitglieder der Schadow Gesellschaft besuchten zwei großartige Ausstellungen mit Karl Heinz Wegmann, der durch seine fachkundige Führung, mitreißenden Erläuterungen und persönlichen Sichtweisen ungewöhnliche und unvergessliche Kunsterlebnisse ermöglichte.

Trotz Schnee und Eisglätte machten sich am 28. Januar einige Unverzagte auf den Weg in das Museum Barberini in Potsdam um die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ anzuschauen, die rund 150 Werke und Objekte, darunter Arbeiten von Arnold Böcklin, Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Angela Hampel, Rebecca Horn, René Magritte, Gustave Moreau, Aurélie Nemours, Olaf Nicolai, Joachim Sandrart, Marie Cécile Thijs und Maerten de Vos präsentierte.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Ausstellungsbesuche - Barberini, Einhorn

Die Bandbreite der Exponate bildete eine Zeitspanne vom zweiten Jahrtausend vor Christus bis in die Gegenwart ab und umfasste neben Gemälden und Grafiken auch Skulpturen, Manuskripte, Tapisserien, Videoarbeiten und Kunstkammerobjekte. 80 Leihgeber aus 16 Ländern haben Werke beigesteuert, was bisher selten geschah. Da die Fülle der Objekte den zeitlichen Rahmen der Führung überstieg und nicht alles angeschaut werden konnte, konzentrierte sich Karl Heinz Wegmann auf die Bedeutung des Fabeltiers und Faszination für das magische Einhorn, das seit Jahrhunderten in vielen Kulturen belegt ist und wie kein anderes Tier die Phantasie angeregt. Es stand und steht für Freiheit und Unbezähmbarkeit, für Reinheit und Unschuld, für Natürlichkeit und Zuneigung. Es galt als Symbol für Christus, weshalb es auf vielen Altarbildern gezeigt wurde, es galt als Zeichen der Keuschheit und wurde oft mit einer jungen Frau gemalt, und seinem Horn wurden medizinische Wunderkräfte nachgesagt, weshalb sich viele Apotheken nach dem Einhorn benannten. Im Mittelalter zweifelte niemand an der Existenz des Einhorns, schließlich kam es ja auch in der Bibel vor. Außerdem gab es als sichtbaren Beweis das wundersame Horn des Einhorns, das in manchen großen Kirchen zu sehen war: eine lange weiße, spiralig gedrehte Stange, die oben spitz zuläuft. Erst im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher beweisen, dass es sich dabei um einen Zahn des Narwals handelt. Aber auch diese wissenschaftliche Erkenntnis konnte der Anziehungskraft des Einhorns keinen Abbruch tun.

Der zweite Ausstellungsbesuch führte am 10. Februar in die Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Dort wurde erstmals die Scharf Collection, eine der bedeutendsten deutschen Privatsammlungen, in großem Umfang präsentiert. Die Sammlung umfasst überwiegend französische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zeitgenössische internationale Kunst. Die Ausstellung zeigte eine Auswahl von rund 150 Werken, darunter herausragende Werke von Auguste Renoir, Pierre Bonnard, Edgar Degas sowie Claude Monet, und lud zu einer Reise durch die Sammlung ein: Von Goya und dem französischen Realismus über die französischen Impressionisten und Kubisten bis hin zur zeitgenössischen Kunst.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Ausstellungsbesuche - Alte Nationalgalerie, Scharf Collection

Die Scharf Collection steht in direkter Nachfolge der bedeutenden Berliner Privatsammlung Otto Gerstenbergs, die von den Anfängen der Moderne bei Goya bis zu Wegbereitern der französischen Avantgarde mit Gustave Courbet und Edgar Degas reichte. Seiner Tochter Margarethe Scharf gelang es, den Großteil der Sammlung trotz vieler Kriegsverluste über den Zweiten Weltkrieg zu retten. Die Enkel Walther und Dieter Scharf bauten auf den ihnen vermachten Werken jeweils eigene Sammlungen auf: Dieter Scharf konzentrierte sich auf den Surrealismus. Seine Sammlung ist seit 2008 als Dauerleihgabe an die Nationalgalerie in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin-Charlottenburg zu sehen. Walther Scharf und dessen Frau Eve bauten – auch gemeinsam mit ihrem Sohn René – den französischen Schwerpunkt weiter aus. Sie erwarben Werke von Claude Monet, Paul Cézanne, Pierre Bonnard, Henri Matisse und Pablo Picasso. Heute richten René Scharf und seine Frau Christiane den Blick auf die zeitgenössische Kunst, sie führen damit die familiäre Sammlungstradition mit Werken von Sam Francis, Sean Scully, Daniel Richter und Katharina Grosse in die Gegenwart.
Wir danken Herrn Wegmann sehr herzlich für sein Engagement und freuen uns auf weitere Ausstellungsbesuche unter seiner Führung.

 


Fotos und Text: Ch. Petersen
Quellen: Museum Barbarini Potsdam und Staatliche Museen zu Berlin

Zwingburg und Kunstkammer

Humboldt Forum trat die Nachfolge des Hohenzollernschlosses und des Palasts der Republik an.

Mehrfach haben die Berliner versucht, gegen obrigkeitliche Bedrückung zu rebellieren, meistens gelang das nicht, und die Folgen waren furchtbar. Berühmt wurde unter der Bezeichnung „Berliner Unwillen“ ihr Widerstand im Jahre 1448 gegen den Bau einer kurfürstlichen Zwingburg. Der Aufstand hatte keinen Erfolg, die Bevölkerung musste sich unter das Joch der Hohenzollern beugen, die bis zu ihrer Entmachtung in der Novemberrevolution 1918 am Ruder waren. Genau 400 Jahre nach dem Berliner Unwillen versuchten die Bewohner der königlichen Haupt- und Residenzstadt noch einmal, Friedrich Wilhelm IV. demokratische Rechte abzutrotzen. Die Revolution 1848/49 endete mit der Stärkung der Königsmacht, aber das Volk hatte, erstmals nach so langer Zeit, ihrem Herrscher und seiner Kamarilla die Zähne gezeigt.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss, Kunstkammer
Am Berliner Schloss wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein gebaut, erst im Stil der Gotik, dann im späten 16. Jahrhundert in den Formen der Renaissance. Das reichte aber dem Kurfürsten Friedrich III. nicht, der sich ab 1701 Friedrich I. König in Preußen nannte und eine ungeheure Pracht entfaltete. Andreas Schlüter machte aus dem alten Schloss einen barocken Prunkbau. Die Kunstkammer diente dem Vergnügen des Kurfürsten und ab 1701 des Königs, seiner Familie und des Hofes. Erst im frühen 19. Jahrhundert konnte sich das „Volk“ die Schätze in neuen Museen anschauen.

Werk bedeutender Künstler

Das Jahr 1415 stellt in der Geschichte Brandenburg-Preußens eine wichtige Zäsur dar. Auf dem Konzil zu Konstanz wurde dem Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg vom König (ab 1433 Kaiser) Sigismund die Würde des Markgrafen von Brandenburg sowie Kurfürsten und Erzkämmerers des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation verliehen. Kurfürst Friedrich II. Eisenzahn, der Sohn und Nachfolger des 1440 verstorbenen ersten hohenzollernschen Landesherrn Friedrich I., legte 1443 den Grundstein für sein Schloss in Cölln an der Spree. 1451 konnte sein Nachfolger Friedrich II. den burgenartigen Bau beziehen. In zeitgenössischen Chroniken auch „Zwing Cölln“ genannt, war er auf einer von der Spree umspülten Insel zwischen den Schwesterstädten Berlin und Cölln das wichtigste Machtzentrum der brandenburgischen, ab 1701 der preußischen Monarchie. Zahlreiche von den Hohenzollern unterschriebene Urkunden und Verordnungen tragen den Ortsvermerk „Cölln an der Spree“.

Große Architekten, Bildhauer und andere Künstler wie Andreas Schlüter, Martin Grünberg, Eosander von Göthe, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, Johann Gottfried Schadow, Karl Friedrich Schinkel, August Stüler und Ernst von Ihne haben im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich an der Gestaltung des Schlossers außen und innen mitgewirkt, haben aus ihm berühmtes und vielfach gepriesenes Gesamtkunstwerk gemacht. In königlicher Zeit ab 1701 wurde es in einen riesigen Palast verwandelt, der zu den bedeutendsten Schöpfungen barocker Schlossbaukunst gehörte. Nur in Ausnahmefällen residierten die Hohenzollern im Berliner Schloss, sie bevorzugten andere Paläste in Berlin und Potsdam. Lediglich bei besonderen Staatsakten wie der Eröffnung des Preußischen Landtages oder des Deutschen Reichstages bot es die prächtige Kulisse für monarchische Selbstdarstellung.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstkammer
Das Kurfürsten- und Königspaar Sophie Charlotte und Friedrich III. / I. – hier Wachsminiaturen im Bode-Museum – besaßen eine mit Kuriositäten und Raritäten vollgestopfte Kunstkammer. Die Metall- und Marmorarbeiten sowie solchen aus Elfenbein und Bernstein können auf der Museumsinsel betrachtet werden.

Privatmuseum der Hohenzollern

Die Kurfürsten von Brandenburg haben schon sehr früh Kunstwerke und Kuriositäten gesammelt und im Berliner Schloss aufgestellt und machten aus ihm ein Privatmuseum. Solche Kunst- und Naturaliensammlungen lagen im 16. und 17. Jahrhundert im Trend, denn ihr Besitz erfreute und war imagefördernd. Wenn es nötig war, hat man die aus fernen Ländern herbei geholten Kunstkammerstücke verschenkt oder, wenn sie aus Edelmetall bestanden, eingeschmolzen. Kurfürst Joachim II. Hektor, der von 1535 bis 1571 regierte, soll in der Fremde „künstliche Sachen“ haben anfertigen lassen. Auch hat er Leute ausgesandt, die für ihn Seltenheiten und merkwürdige Dinge kauften. Ein Verzeichnis vom 20. Juli 1603 erwähnt Kostbarkeiten in der „Churfürstlichen Kunstkammer“.

Wir dürfen in dem Raritätenkabinett Gegenstände aus Gold und Silber, Arbeiten aus Elfenbein, Bernstein, Glas, Keramik und seltenen Mineralien sowie Kunstkammerstücke aus Perlmutt und Korallen vermuten. Dazu kamen Mitbringsel aus fernen Ländern, etwa ägyptische Mumien, Elefantenzähne und Tierpräparate sowie antike, zumeist römische Münzen sowie Medaillen von Angehörigen des Hauses Hohenzollern und Bildern befreundeter Fürstlichkeiten. Nicht zu vergessen Bücher, Zeichnungen, Manuskripte und Landkarten, die 1661 der vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gegründeten Bibliothek überwiesen wurden, aus der die heutige Staatsbibliothek hervor gegangen ist.

In den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, der Staatsbibliothek, den preußischen Schlössern und anderswo haben sich Reste dieses bunten, gelegentlich recht angestaubt wirkenden Sammelsuriums erhalten. Viele Kuriositäten und andere Objekte ging durch Kriege und Katastrophen verloren, manches wurde verkauft und gestohlen. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) etwa ging die nach Küstrin ausgelagerte Kunstkammer bis auf Reste zugrunde. Weitere Verluste musste der Bestand durch den Brauch hinnehmen, besonders ansehnliche Objekte als fürstliche Brautgeschenke zu verwenden. In Kriegs- und Krisenzeiten ließen die Könige von Preußen ohne Bedenken Edelmetallgegenstände und Möbel aus gediegenem Silber einschmelzen, um sie in klingende Münze zu verwandeln. Friedrich II. vernichtete damit unschätzbares Kulturgut, um die Schlesischen Kriege finanzieren zu können. Sein Vater, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., plünderte 1713 zur Schuldentilgung die Münz- und Medaillensammlung, indem er über 300 besonders große und schwere Stücke aus Gold dem Tiegel überantwortete und in Dukaten mit seinem Bildnis umwandeln ließ.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss
Von der edlen Ausstattung des Berliner Schlosses ist nur wenig erhalten geblieben. Verloren sind auch die Reliefs, die der Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow für die königlichen Paradesäle geschaffen hat. Leider hat man es im Humboldt Forum nicht für nötig erachtet, dieses wenigstens mit Abgüssen der beiden aus dem Parolesaal der Königskammern stammenden Reliefs an geeignetem Ort zu zeigen und damit an einen bedeutenden Berliner Künstler zu erinnern.
Die Schadow Gesellschaft Berlin e.V. hatte das mehrfach angeboten.

Dessen ungeachtet wurde die Kunstkammer vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinen Nachkommen systematisch und mit Kennerschaft ausgebaut. Sie konnten den Bestand durch Erbschaften und Ankäufe vermehren und bestellten Gelehrte zu Aufsehern. Um den im Berliner Schloss angehäuften Schatz publik zu machen, wurde unter Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. in Preußen, ein mit Kupferstichen ausgestatteter „Thesaurus Brandenburgicus“ veröffentlicht, der den Herrscher als ambitionierten Sammler lobt. Sein Enkel Friedrich II. richtete im Park Sanssouci eine Bilder- und Skulpturengalerie mit Stücken aus der alten kurfürstlichen Kunstkammer ein. Erstmal gestatte der königliche Bilder- und Skulpturensammler „anständig“ gekleideten Leuten, die Kunstschätze besichtigen. Außerdem ließ er unweit des Neuen Palais den Antikentempel einrichten, in dem er Skulpturen aufstellen ließ und Münzen in eigens gebauten kostbaren Schränken aufbewahrte.

Vom Kuriositätenkabinett ins Museum

Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis in Berlin aus den königlichen Sammlungen ein großes öffentliches Museum rekrutiert wurde. Um das 1830 eröffnete Haus am Lustgarten, uns bekannt als Altes Museum, und andere Museen ausstatten zu können, wurde auch die Kunstkammer um wichtige Stücke erleichtert. Was man nicht brauchte, wurde verschenkt oder verkauft. Was sich in verschiedenen Sammlungen erhalten hat, lässt ahnen, wie bunt zusammengewürfelt die vor 400 Jahren erstmals inventarisierte Kunstkammer gewesen sein muss. Herausragende Stücke werden in Ausstellungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beziehungsweise der Preußischen Schlösserstiftung gezeigt.

Kaiser Wilhelm II. ließ vor und nach 1900 das Hohenzollernschloss prächtig ausgestalten, wobei zumeist Rücksicht auf die Leistungen der alten Meister genommen wurde. So ließ er den Weißen Saal im Stil des Neobarock erweitern und die Weiße Treppe umgestalten. Die Maßnahmen wurden als wichtig erachtet, um Staatsakten und Banketten einen festlichen Rahmen zu geben sowie Macht und Größe des neuen Kaisertums demonstrieren zu können. Es ist es nicht verwunderlich, dass der mit einer aus der Zeit Friedrich Wilhelms IV. stammenden Riesenkuppel geschmückten Palast auf zahlreichen Postkarten, aber auch auf Reservistenkrügen und auf Medaillen abgebildet wurde. Hatte Wilhelm II. die vom „Volk“, also von ganz normalen Untertanen, benutzten Zugänge für die Höfe versperren lassen, wenn diese zeitsparend von einem Stadtteil zum anderen laufen wollten, so konnten sie nach dem Auszug der Kaiserfamilie und ihres Hofes das Schloss ungehindert betreten. Sie dürften bei ihren Besuchen über Pracht, Prunk und Protz gestaunt haben und lernten die mit unzähligen „Arbeitergroschen“, wie man damals sagte, finanzierte luxuriöse Lebenswelt der „oberen Hundert“ kennen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss
Bild 7 und 8) Kaiser Wilhelm II., der 1888 mit 29 Jahren auf den Thron kam, sorgte dafür, dass der Palast nur von ihm und seinesgleichen samt Dienerschaft betreten werden durfte. Erst nach dem Ende der Monarchie konnte sich das „Volk“ in den Parade- und Prunksälen sowie im neu gegründeten Schlossmuseum umschauen.

Nachfolger und Nachmieter

Der Berliner Fernsehjournalist und Buchautor Christian Walther ging der Frage nach, was aus dem Schloss nach der Entmachtung der Hohenzollern in der Novemberrevolution 1918 wurde. Sein Buch „Des Kaisers Nachmieter – Das Berliner Schloss zwischen Revolution und Abriss“ erschien 2021 im Verlag Berlin-Brandenburg, hat 184 Seiten und zahlreiche zum Teil farbige Abbildungen und kostet 25 Euro (ISBN 978-3-947215-28-7). Schon das Bild mit einfachen Arbeitern auf dem Cover, die sich auf dem Dach des herrenlos gewordenen Stadtschlosses mit Kartenspiel die Zeit vertreiben, und einer Frau im Kittelrock, die über die Balustrade schaut, zeigt den fundamentalen Wandel von der Monarchie zur Republik und lädt ein, sich mit einem wenig bekannten Stück Geschichte des Bauwerks zu befassen, mit seiner neuen Nutzung als Schlossmuseum, Wissenschaftsstandort und von Behörden, aber auch mit den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und dem Abriss 1950 auf Befehl der SED sowie dem Bau und Ende des Palasts der Republik.

Was sich seit der damals stark umstrittenen Beseitigung des Palasts der Republik zwischen 2006 und 2008 anschloss, muss in Büchern über das nach Plänen von Franco Stella neu gebaute und im Sommer 2021 eröffnete Humboldt-Forum nachgelesen werden. Mit der wiederhergestellten Barockfassade und der mächtigen Kuppel versehen, lädt der Riesenbau zum Besuch von Ausstellungen der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz sowie der Humboldt-Universität und des Stadtmuseums und zum Verweilen in den Höfen ein. Mancher Besucher wird sich fragen, welches Schicksal das Schloss nach dem ruhmlosen Abgang der Hohenzollern hatte und wie es ihm im Zweiten Weltkrieg und danach erging.

Entrümpelte Privaträume des Kaisers

Sehr vorsichtig gingen die Leute vom Schlossmuseum mit den Privaträumen des Kaisers und seiner Familie um. Wie im Neuen Palais im Potsdamer Park Sanssouci, der kaiserlichen Sommerresidenz bis Ende 1918, so wurde auch im Berliner Stadtschloss alles vermieden, was vom Publikum wie ein Gruselkabinett hätte wahrgenommen werden können. Mit anderen Worten hat man die Privaträume entrümpelt und nach Umbauten erst 1926 öffentlich zugänglich gemacht. Um beim Publikum kein „wollüstiges Schaudern“ aufkommen zu lassen, wie der Kunstkritiker Max Osborn schrieb, wurden weder die kaiserlichen Schlafzimmer noch dazu gehörige Möbel gezeigt, sondern alles darangesetzt, das Schlossmuseum als „wahre Schatzkammer von künstlerischem und kunsthistorischen Einzelheiten hohen Ranges“ erlebbar zu machen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss
Zunächst skeptisch als eine Art „Disneyland“ beurteilt und abgelehnt, entwickelte sich das Humboldt Forum im wieder aufgebauten Berliner Schloss zu einem erstklassigen Kultur- und Kunststandort. Der barocke Schlüterhof ist zu jeder Jahres- und Tageszeit einen Besuch wert und ein beliebter Treffpunkt dazu.

Während der Nazizeit wurde das Bauwerk von den Plänen, Berlin in die Welthauptstadt Germania zu verwandeln, nicht tangiert. Hitler und sein Stararchitekt Albert Speer machten um das Stadtschloss einen großen Bogen. In dem von der NS-Zensur als „Staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll und jugendwert“ eingestuften Spielfilm „Andreas Schlüter – Baumeister des Königs“ von 1942 mit Heinrich George in der Hauptrolle wurden die von dem Meister der barocken Bildhauerei und Architektur geschaffenen Prunkräume ausführlich gezeigt und gewürdigt. Sieben Jahre später war die Pracht restlos zerstört und verschwunden.

Kurzes Leben vom Palast der Republik

Das Berliner Schloss, an dessen Stelle 1973 bis 1976 der Palast der Republik errichtet wurde, hätte aufgebaut werden können, wenn die Mächtigen in der DDR es nur gewollt hätten, waren sich Experten einig. Die dicken Außenmauern waren im Wesentlichen erhalten, wenn auch stark beschädigt, und viele Innenräume und Treppenhäuser existierten noch. Um die Öffentlichkeit zu trösten, wurde angekündigt, dass „der Lustgarten durch den Abriss des Schlosses erheblich erweitert wird.“ Künstlerisch wertvolle Teile, wie der Schlüterhof, würden erhalten bleiben und an anderer Stelle Aufstellung finden. Zwar war nicht vom „Roten Platz“ wie in Moskau als Aufmarschort die Rede, aber man wusste, dass die SED-Führung und DDR-Regierung einen solchen, in die „werktätigen Massen“ paradieren würden, wünschte. Das ist alles Geschichte, die im heutigen Humboldt Forum nicht ausgespart wird. Ein Verein möchte auf dem Schlossplatz ein kleines Modell aus Bronze vom ehemaligen Palast der Republik aufstellen und damit die Erinnerung an den kommunistischen Bildersturm von 1950 und „Erichs Lampenladen“ 25 Jahre später wachhalten.

 


Text, Fotos und Reproduktionen: Helmut Caspar

Literaturtipp:
„Etablirt im Schlosse? Johann Gottfried Schadow im Berliner Schloss. Schriftenreihe der Schadow Gesellschaft Berlin e. V. 2019 Bd. XVII

Kunstraub in großem Stil

Zahllose Gemälde, Skulpturen und Münzen fielen vor 220 Jahren in die Hände der Franzosen, nicht alle kamen 1814 zurück.

Nach dem Sieg der Franzosen in der Schlacht von Jena und Auerstedt über preußische und sächsische Truppen weilte Kaiser Napoleon I. vom 24. bis 26. Oktober 1806 in Potsdam und wohnte im Stadtschloss. Am Grab Friedrichs des Großen in der Garnisonkirche sagte er: „Wenn du noch lebtest, stünde ich nicht hier.“ Nach der Besichtigung des Neuen Palais, der Neuen Kammern und von Schloss Sanssouci ritt er und sein Gefolge über Charlottenburg nach Berlin. Dort traf er am 27. Oktober 1806 in Berlin ein, wo er bis zum 25. November blieb. In Berlin dekretierte er die Kontinentalsperre, mit der er England, seinen Hauptfeind, wirtschaftlich zu schädigen suchte. Dem Eroberer auf dem Fuß folgte sein oberster Kunstexperte und Kunsträuber Dominique Vivant Denon. Ihm fielen in Potsdam und Berlin unzählige antike und moderne Statuen, Büsten und Reliefs, aber auch antike Münzen und andere Objekte in die Hände. Ziel des groß angelegten Kunstraub war es, nach dem Motto „Dem Sieger gehört die Kunst“ dem Musée Napoléon in Paris hochkarätige Werke zuzuführen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Napoleon Bonaparte, ab 1804 Kaiser Napoleon, war so stolz auf den Raub der Venus Medici in Florenz sowie des Apollo von Belvedere und der Laokoongruppe aus dem Vatikan, dass er Denon veranlasste, dazu 1803 und 1804 Medaillen zu prägen. Die antiken Kunstwerke kehrten nach dem Sturz des Kaisers in ihre Heimat zurück.

Die Plünderung Berliner und Potsdamer Schlösser wurde von einem Kenner organisiert, dem auf vielen französischen Medaillen genannten Chef der Monnaie des Médailles (Medaillenmünze) und Generaldirektor des Musée Napoléon in Paris, Dominique Vivant Denon (1747 bis 1825). Der mit großen Vollmachten ausgestattete Baron durchstöberte Schlösser und Sammlungen in Berlin, Potsdam, Schwerin, Kassel, Braunschweig und an anderen Orten nach kostbarer Beute für das Musée Napoléon, das Napoleon Bonaparte, damals noch Erster Consul, 1802 im Pariser Louvre eingerichtet hatte. Denon hatte, was die kulturelle Plünderung fremder Länder betrifft, beim ägyptischen Feldzug seines Herren Erfahrungen gesammelt. Allerdings mussten General Bonaparte nach dem Scheitern seines Feldzuges im Land der Pyramiden den siegreichen Engländern Teile der geraubten Altertümer aushändigen, darunter den berühmten Sprachenstein von Rosette, mit dessen Hilfe es gelang, die Hieroglyphen zu entschlüsseln. Die Hinterlassenschaften der Pharaonen sind seither exquisiter Schmuck des Britischen Museums. Mit seinen Leuten raubte Denon in Italien antike Skulpturen von Weltrang, die in Paris ausgestellt wurden. Da er auch Chef der Medaillenmünze war, ließ er Medaillen mit Ansichten des nach Paris entführten Apolls von Belvedere und der Laokoongruppe zur Verherrlichung Napoleon Bonapartes prägen, der es innerhalb von zehn Jahren vom unbenannten Hauptmann zum Kaiser der Franzosen gebracht hatte. Mit dem Ziel, die Lücken im Pariser Musée Napoléon zu füllen, konfiszierte Denon vor 220 Jahren in Berlin und Potsdam Gemälde des Barock, aber auch die damals noch wenig geschätzte altdeutsche Malerei. Hinzu kamen Historienbilder mit Szenen aus dem Leben Friedrichs des Großen, den der Kaiser verehrte. Der Bildhauer Johann Gottfried Schadow berichtete von einem kaiserlichen Dekret, alle Darstellungen des Königs nach Paris zu schaffen. Zur Kunstbeute gehörte auch die Quadriga vom Brandenburger Tor, gegen deren Demontage und Abtransport sich Schadow, ihr Schöpfer, vergeblich zur Wehr setzte. Friedrich Wilhelm III. ließ 1809 untersuchen, wie sich preußische Beamte bei der Aktion verhalten haben. Ein Verschulden ließ sich nicht nachweisen. Sie konnten sich darauf berufen, Schlimmeres verhindert zu haben.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Die Berliner verspotteten den Kaiser als Pferdedieb, das leer geräumte Brandenburger Tor wirkte auf sie wie eine ewige Provokation und Aufforderung dafür zu sorgen, dass er sich mit dem nackten Hintern in die Nesseln setzt, was dann 1814 auch geschah.

Der Kaiser habe die Trophäen als besonders geeignet angesehen, den Franzosen und der Welt die Größe des Sieges über das friderizianische Preußen vor Augen zu führen, schreibt Götz Eckardt in seinem Bericht „Der napoleonische Kunstraub in den königlichen Schlössern von Berlin und Potsdam (Studien zur Berliner Kunstgeschichte, herausgegeben von Karl-Heinz Klingenburg VEB EA Seemann Verlag, Leipzig 1986). Außer dem Gemäldeschatz der Hohenzollern wurden königliches Silber, Dokumente, kostbare Tabaksdosen Friedrichs des Großen, antike Münzen und andere Gegenstände nach Paris verschleppt. Die Kunstbeute wurde in zwei Transporten per Schiff von Berlin über Hamburg nach Paris gebracht, um sie im Louvre zu zeigen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Ausgestattet mit dem angemaßten „Recht des Siegers“, fand Napoleons Kunstexperte Dominique Vivant Denon in den besetzten Staaten, was dem Louvre noch fehlte. Das Medaillon ist im Berliner Bodemuseum ausgestellt, die Bronzefigur schmückt sein Grab auf dem Pariser Friedhof Pére Lachaise.

Denon ließ zur Vervollständigung der Louvre-Sammlungen nicht nur Gemälde der Franzosen, Italiener und Holländer „mitgehen“, wie wir heute sagen würden, sondern auch Bilder der in ihrer Bedeutung noch nicht entdeckten altdeutschen Meister. Die französischen Rokokokünstler, die Friedrich der Große so liebte, interessierten den Kunsträuber nicht. Wohl aber nahm er Bilder mit, die seinem Herrn wegen ihres geschichtlichen Inhalts wichtig waren, vor allem Episoden aus dem Leben Friedrichs des Großen, an dessen Grab in der Potsdamer Garnisonkirche er gesagt haben soll, wenn dieser hier – Friedrich II. – lebte, stünde er nicht hier.

Nach dem Sieg der Verbündeten über Frankreich in den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 gab es intensive Versuche der preußischen Regierung, die gestohlenen Kunstwerke zu zurückzuholen, was aber nicht vollständig gelang. Beteiligt an den Verhandlungen waren Jean Henry, der Vorsteher der Kunstkammer, und Hofrat Ernst-Friedrich Bussler. Sie bemühten sich nach Kräften, die Franzosen mit König Ludwig XVIII. an der Spitze, einem Bruder des 1793 hingerichteten Ludwig XVI., davon zu überzeugen, dass die Kunstschätze nicht ihnen gehören. Für den aus dem Exil geholten Bourbonenkönig war es eine Frage des Prestiges, schreibt Götz Eckart, die „Reklamationen“ mit dem Hinweis zu verhindern, sie seien bereits in Paris ausgestellt worden und daher Eigentum des französischen Staates.

In zeitgenössischen Berichten heißt es, dass bei den preußisch den Staatsbeamten und in der Armee, die niemals mit einer Niederlage im Krieg gegen Frankreich gerechnet hatte, heillose Verwirrung herrschte und die Menschen beim Anblick der Besatzer heiße Tränen vergossen haben. Doch man fügte sich in sein Schicksal. Manche Leute fühlten sogar Erleichterung angesichts der aufgehenden „französischen Sonne“ und setzten große Erwartungen in die angekündigten Umwälzungen. Angeblich soll Napoleon gesagt haben, er wolle „diese preußischen Junker“ so klein machen, „dass sie ihr Brot auf den Straßen erbetteln müssen“, und das kam vielen entgegen, die unter der noch von Friedrich dem Großen geprägten Adelsherrschaft litten und sich ihretwegen nicht entfalten konnten. Es gab natürlich auch Wendehälse, Kollaborateure und Konjunkturritter, die sich in Erwartung handfester Vorteile den Franzosen andienten, mit ihnen aber von der Bildfläche verschwanden, als die Fremdherrschaft vorbei war. Jetzt schlug die Stunde der Reformer um den Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein, den Staatskanzler August von Hardenberg und Wilhelm von Humboldt. Sie brachten gegen den Widerstand mächtiger Adelsleute und Beamter eine Reihe von Neuerungen auf den Weg, die sich für das Land positiv erweisen sollten.

Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Berolina, die Personifikation der besetzten Stadt, trauert um die verlorene Freiheit und die Quadriga vom Brandenburger Tor, die die Franzosen als Beutegut nach Paris entführt haben. Ein spitzer Dorn zeigt die Stelle, an der Johann Gottfried Schadows berühmtes Bildwerk montiert war.

Als der 1806/7 tief gedemütigte Friedrich Wilhelm III., von klugen Beratern gedrängt, im März 1813 seine Untertanen mit dem Erlass „An Mein Volk“ zu Mut und Hilfe bei der Befreiung von den Franzosen aufrief, war das Echo gewaltig. Unter dem zum geflügelten Wort gewordenen Motto „Gold gab ich für Eisen“ opferten selbst die Ärmsten ihre letzten Groschen. Es kam vor, dass arme Mädchen ihre schönen Haare als einzige Habe auf den Altar des Vaterlandes legten, damit aus ihnen Perücken für „bessere Stände“ gefertigt werden konnten. Die Einnahmen der Aktion, an denen sich auch die königliche Familie beteiligte, flossen in die allgemeine Volksbewaffnung ein, die wichtig für den Ausgang der Befreiungskriege und die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität war. Nach den Kriegen fühlte sich der Friedrich Wilhelm III. an sein Versprechen nicht mehr gebunden, eine Verfassung zu erlassen und das Volk ein wenig an der Macht teilhaben zu lassen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Der triumphale Sieg der französischen Truppen im Oktober 1806 über Preußen und Sachsen, die Eroberung preußischer Festungen und andere Erfolge wurden auf Medaillen gefeiert, die großer Zahl unter Denons Regie in der Monnaie de la Médaille in Paris geprägt wurden.

Während sich die Raubzüge in den königlichen Schlössern hinter den Kulissen abspielten, erregte der Abbau der Quadriga vom Brandenburger Tor die Berliner ungemein. Johann Gottfried Schadow konnte nicht verhindern, dass die Friedensgöttin und ihre Pferde in Stücke zerlegt und per Schiff nach Paris geschafft wurde. Vergebens hatte der Bildhauer darauf verwiesen, dass das dünne Kupferblech leiden würde. Angebote der Besatzer, für sie zu arbeiten, lehnte der Bildhauer und Akademiedirektor höflich, aber bestimmt ab. Wegen der großen Not in Preußen als Bildhauer zur Untätigkeit verurteilt, nahm in bissigen Karikaturen den Kaiser und seine Gefolgsleute aufs Korn, signierte seine Bilder vorsichtshalber mit „Gilrai“.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Auf dem Sockel von Christian Daniel Rauchs Blücher-Denkmals im Prinzessinnengarten Unter den Linden in Berlin zeigt das Relief, wie die Quadriga in Paris „transportable“ gemacht wird. Eines der Terrakottareliefs am Roten Rathaus schildert die triumphale Heimkehr 1814 nach Berlin.

Im Oktober 1807, am ersten Jahrestag der Schlacht von Jena und Auerstedt, wurden erbeutete Kunstwerke im Louvre ausgestellt. Die spektakuläre Schau geriet zur Heldenverehrung. Napoleons Bronzebüste wurde mit goldenem Lorbeerkranz zwischen zwei Victorien aus Sanssouci aufgestellt. Der Plan, die Quadriga auf ein Triumphtor zu stellen, wurde nicht verwirklicht. In Berlin war bis zur triumphalen Rückführung der Friedensgöttin Eirene 1814 das nackte Brandenburger Tor eine ständige Aufforderung, die Machenschaften des „Pferdediebs“ nicht widerstandslos hinzunehmen. Eine auf dem Tor stehengelassene eiserne Haltestange für Schadows Bildwerk wirkte als Pfahl im Fleisch.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Napoleon I. hat die unter Friedrich dem Großen errichtete Bildergalerie im Park von Sanssouci nicht gesehen, weshalb seine Kunsträuber sie weitgehend verschonten. Schadows Quadriga auf einem „Napoleon dem Großen“ und seiner Frau Marie Louise gewidmeten Triumphtor zu stellen, blieb in der Planung stecken.

Die 1814, nach Napoleons Niederlagen in den Befreiungskriegen, in Frankreich wieder auf den Thron gelangten Bourbonen zögerten unter Hinweis auf den Friedensvertrag mit Preußen von 1807 die Rückgabe der Beutekunst hinaus. Denon stellte sich quer und gab erst aufgrund preußischer Drohung, ihn in die Festung Graudenz mitzunehmen, nach. Allerdings gelang es den Beauftragten des Königs von Preußen nicht, die ganze Kunstbeute zurückzuholen. Mit unbeschreiblichem Jubel wurde die Heimkehr der Quadriga begleitet. Die Präsentation der zurückgeführten Gemälde, Skulpturen und anderen Kunstwerke 1815 im Berliner Akademiegebäude Unter den Linden war für weitblickende Beamte ein willkommener Anlass zu fordern, dass die in königlichem Besitz befindlichen Kunstgegenstände nicht wieder in den Schlössern „vereinzelt“ werden sollen. Es sei an der Zeit, sie in einem noch zu schaffenden großen Museum öffentlich zu zeigen. Nach langem Zögern bequemte sich 15 Jahre später der wenig entschlussfreudige Friedrich Wilhelm III., die schönsten Bilder und Skulpturen in Schinkels eben erst fertiggestelltes Altes Museum am Lustgarten zu überführen und Ankäufe weiterer Kunstwerke zu finanzieren. Aus Platznot war schon bald der Bau von Stülers Neuem Museum fällig. Danach wurden auf der Museumsinsel weitere Musentempel errichtet.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Das nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum wurde 1830 am Berliner Lustgarten erbaut, hier ein Modell aus dieser Zeit und eine Grafik von damals, die einen Blick durch Säulenhalle auf den Lustgarten gewährt.

Die von preußischen Beamten sorgfältig geführten Verlustlisten sollten Jahre später noch nützliche Dienste tun. Die nach der Entmachtung Napoleons wieder auf den Thron gelangten Bourbonen verzögerten die Herausgabe der Kunstbeute, obwohl es Absprachen zwischen Friedrich Wilhelm III. und dem französischen König Ludwig XVIII. gab. Denon behauptete unter Hinweis auf den Friedensvertrag von Tilsit 1807, das Raubgut sei französisches Eigentum und Teil der Louvre-sammlungen. Was zurückkehre, sei ein „Geschenk“ an Friedrich Wilhelm III. Um Ärger aus dem Weg zu gehen, gab sich Ludwig XVIII. generös und behauptete, ein Teil der Kunstwerke sei ein „freiwilliges Geschenk“ an den preußischen König. Dieser und seine Emissäre in Paris hofften, dass es nicht bei den ersten Rücktransporten bleibt, sondern nach Konsolidierung der Verhältnisse weitere folgen. Der zur Freigabe aufgeforderte Denon musste unter dem Druck der zeitweilig an der Seine stationierten preußischer Soldaten klein beigeben und händigte viele Gemälde aus, jedoch nicht alle. Als sich die politischen Verhältnisse in Frankreich nach dem kurzzeitigen auftauchen von der Insel Elba geflohenen Kaisers Napoleons I. verändert hatten und Ludwig XVIII. geschwächt war, musste man auf die Befindlichkeiten dieses berüchtigten Vertreters des Ancien régimes keine Rücksicht mehr nehmen.

Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
Am 3. August 1830, dem 60. Geburtstag König Friedrich Wilhelms III., wurde das nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum am Lustgarten eingeweiht. Zweihundert Jahre später stehen der Säulenbau und die anderen Häuser auf der Museumsinsel im Mittelpunkt von Ausstellungen und anderen Ereignissen.

Die Rückführung großer Teile der Kunstbeute war nicht nur ein Akt der Wiedergutmachung von offensichtlichem Unrecht, sondern hatte auch den Effekt, dass man sich in Berlin ernsthaft Gedanken machte, ob es nicht besser ist, die Kunstschätze aus den königlichen Schlössern in einem öffentlichen Museum zu zeigen. Zunächst wurden die heimgekehrten Kunstschätze im Akademiegebäude Unter den Linden gezeigt. Das Eintrittsgeld kam verwundet aus dem heimgekehrten Soldaten zugute. Johann Gottfried Schadow, der Direktor der Akademie der Künste, sprach die Hoffnung aus, durch die Ausstellung jene zu wohltätigen Zwecke bestimmten Einnahmen zu vermehren und zugleich dem Publikum einen noch höheren Genuss zu verschaffen zu können. Alois Hirt, der seit 1797 für die Einrichtung eines öffentlichen Museums in Berlin gestritten hatte, erklärte, nie wieder dürften die Kunstwerke „vereinzelt werden“. Hirt und der, wie man heute sagen würde, Kulturbeauftragte der Regierung Wilhelm von Humboldt legten dem König nahe, die Sammlungen zum Staatseigentum zu erklären und sie in einem eigenen Museum zu zeigen. Zuvor war eine repräsentative Auswahl im Akademiegebäude Unter den Linden mit großem Erfolg zu sehen gewesen. Karl Friedrich Schinkel erbaute Königliche Museum am Lustgarten eröffnet. Der wortkarge Monarch soll beim Gang durch das Haus mit der auffälligen Säulenfront „sehr beeindruckt“ gewesen sein, wie Zeitgenossen berichten. Während es anderswo bereits öffentliche Museen gab, so in Paris, London und München etwa, besaß Berlin einen prächtigen Neubau für antike Skulpturen sowie Gemälde und auch Münzen. Für das Haus hat sich im Laufe der Zeit der Name „Altes Museum“ eingebürgert, um es von den vier anderen Gebäuden auf der Museumsinsel zu unterscheiden.

Seit 1824 war das Museum auf einer Brache vis-à-vis vom Berliner Stadtschloss gebaut worden. Als es eröffnet wurde, strömte das Publikum in großen Scharen herbei, denn der Eintritt war frei und das Schaubedürfnis groß. Erfreuen, bilden und belehren war das Anliegen der Museumsgründung, und dazu hatten kluge Leute wie die Weichen gestellt. Um den repräsentativen Säulenbau angemessen zu bestücken, waren die königlichen Schlösser in Berlin, Potsdam und anderswo nach Gemälden, Skulpturen und anderen Preziosen durchgekämmt worden. Da es Lücken gab, veranlasste der König umfangreiche Kunstkäufe vor allem in Italien, und auch die ersten Grabungen in Ländern des klassischen Altertums kamen in Gang.

Die Gründung eines königlichen Museums war seit 1810, als die Berliner Universität im ehemaligen Palais des Prinzen Heinrich Unter den Linden ihre Arbeit aufnahm, im Gespräch. Allerdings zögerte sich die Museumsgründung wegen der politischen Verhältnisse und der Befreiungskriege das napoleonische Frankreich bis 1830 hin. Zum Abschluss seines instruktiven Berichts mit vielen schreibt Götz Eckardt: „Die Überzeugung, dass die fürstlichen Sammlungen dem ganzen Volke gehören, hatte sich somit auch in Preußen durchgesetzt. Und noch in anderer Hinsicht übte das Louvre-Museum eine vorbildliche Wirkung aus: die Schätze wurden nicht nur der Allgemeinheit zugänglich gemacht, sondern zugleich wissenschaftlich bearbeitet. Seit seiner Gründung war das Berliner Museum eine wichtige Stätte kunsthistorischer Forschung in Deutschland.“

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstraub Napoleon Bonaparte
In der Bastion Königin der Spandauer Zitadelle soll der Schadowsche Münzfries, sorgfältig gereinigt und restauriert, ein neues Zuhause bekommen.

Man darf hinzufügen, sie sind heute mehr denn ein Ort der Freude, Belehrung und der wissenschaftlichen Analyse. Für die Zeit bis zum zweihundertjährigen Bestehen 2030 haben sich die Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz viel vorgenommen. Jedes ihrer Häuser bildet den Schwerpunkt eines jeden Jahres bis dorthin und lädt zu Sonderausstellungen, Tagungen und Workshops ein. Da Johann Gottfried Schadow an der Geburt Berlins als Kultur- und Museumsstandort beteiligt war, wird sich die Schadow Gesellschaft Berlin auch diesem Thema widmen. Indem sie mit der Alten Nationalgalerie dafür sorgt, dass der berühmte Münzfries aus seinem Exil in den Katakomben des Kreuzbergdenkmals zur Zitadelle nach Spandau gebracht und vor den Augen des staunenden Publikums durch Restauratorenkunst zu neuem Leben erweckt wird, leistet der Verein seinen besonderen Beitrag zu diesem schönen Jubiläum.

 


Text, Fotos und Reproduktionen: Helmut Caspar