Humboldt Forum trat die Nachfolge des Hohenzollernschlosses und des Palasts der Republik an.

Mehrfach haben die Berliner versucht, gegen obrigkeitliche Bedrückung zu rebellieren, meistens gelang das nicht, und die Folgen waren furchtbar. Berühmt wurde unter der Bezeichnung „Berliner Unwillen“ ihr Widerstand im Jahre 1448 gegen den Bau einer kurfürstlichen Zwingburg. Der Aufstand hatte keinen Erfolg, die Bevölkerung musste sich unter das Joch der Hohenzollern beugen, die bis zu ihrer Entmachtung in der Novemberrevolution 1918 am Ruder waren. Genau 400 Jahre nach dem Berliner Unwillen versuchten die Bewohner der königlichen Haupt- und Residenzstadt noch einmal, Friedrich Wilhelm IV. demokratische Rechte abzutrotzen. Die Revolution 1848/49 endete mit der Stärkung der Königsmacht, aber das Volk hatte, erstmals nach so langer Zeit, ihrem Herrscher und seiner Kamarilla die Zähne gezeigt.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss, Kunstkammer
Am Berliner Schloss wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein gebaut, erst im Stil der Gotik, dann im späten 16. Jahrhundert in den Formen der Renaissance. Das reichte aber dem Kurfürsten Friedrich III. nicht, der sich ab 1701 Friedrich I. König in Preußen nannte und eine ungeheure Pracht entfaltete. Andreas Schlüter machte aus dem alten Schloss einen barocken Prunkbau. Die Kunstkammer diente dem Vergnügen des Kurfürsten und ab 1701 des Königs, seiner Familie und des Hofes. Erst im frühen 19. Jahrhundert konnte sich das „Volk“ die Schätze in neuen Museen anschauen.

Werk bedeutender Künstler

Das Jahr 1415 stellt in der Geschichte Brandenburg-Preußens eine wichtige Zäsur dar. Auf dem Konzil zu Konstanz wurde dem Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg vom König (ab 1433 Kaiser) Sigismund die Würde des Markgrafen von Brandenburg sowie Kurfürsten und Erzkämmerers des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation verliehen. Kurfürst Friedrich II. Eisenzahn, der Sohn und Nachfolger des 1440 verstorbenen ersten hohenzollernschen Landesherrn Friedrich I., legte 1443 den Grundstein für sein Schloss in Cölln an der Spree. 1451 konnte sein Nachfolger Friedrich II. den burgenartigen Bau beziehen. In zeitgenössischen Chroniken auch „Zwing Cölln“ genannt, war er auf einer von der Spree umspülten Insel zwischen den Schwesterstädten Berlin und Cölln das wichtigste Machtzentrum der brandenburgischen, ab 1701 der preußischen Monarchie. Zahlreiche von den Hohenzollern unterschriebene Urkunden und Verordnungen tragen den Ortsvermerk „Cölln an der Spree“.

Große Architekten, Bildhauer und andere Künstler wie Andreas Schlüter, Martin Grünberg, Eosander von Göthe, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, Johann Gottfried Schadow, Karl Friedrich Schinkel, August Stüler und Ernst von Ihne haben im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich an der Gestaltung des Schlossers außen und innen mitgewirkt, haben aus ihm berühmtes und vielfach gepriesenes Gesamtkunstwerk gemacht. In königlicher Zeit ab 1701 wurde es in einen riesigen Palast verwandelt, der zu den bedeutendsten Schöpfungen barocker Schlossbaukunst gehörte. Nur in Ausnahmefällen residierten die Hohenzollern im Berliner Schloss, sie bevorzugten andere Paläste in Berlin und Potsdam. Lediglich bei besonderen Staatsakten wie der Eröffnung des Preußischen Landtages oder des Deutschen Reichstages bot es die prächtige Kulisse für monarchische Selbstdarstellung.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Kunstkammer
Das Kurfürsten- und Königspaar Sophie Charlotte und Friedrich III. / I. – hier Wachsminiaturen im Bode-Museum – besaßen eine mit Kuriositäten und Raritäten vollgestopfte Kunstkammer. Die Metall- und Marmorarbeiten sowie solchen aus Elfenbein und Bernstein können auf der Museumsinsel betrachtet werden.

Privatmuseum der Hohenzollern

Die Kurfürsten von Brandenburg haben schon sehr früh Kunstwerke und Kuriositäten gesammelt und im Berliner Schloss aufgestellt und machten aus ihm ein Privatmuseum. Solche Kunst- und Naturaliensammlungen lagen im 16. und 17. Jahrhundert im Trend, denn ihr Besitz erfreute und war imagefördernd. Wenn es nötig war, hat man die aus fernen Ländern herbei geholten Kunstkammerstücke verschenkt oder, wenn sie aus Edelmetall bestanden, eingeschmolzen. Kurfürst Joachim II. Hektor, der von 1535 bis 1571 regierte, soll in der Fremde „künstliche Sachen“ haben anfertigen lassen. Auch hat er Leute ausgesandt, die für ihn Seltenheiten und merkwürdige Dinge kauften. Ein Verzeichnis vom 20. Juli 1603 erwähnt Kostbarkeiten in der „Churfürstlichen Kunstkammer“.

Wir dürfen in dem Raritätenkabinett Gegenstände aus Gold und Silber, Arbeiten aus Elfenbein, Bernstein, Glas, Keramik und seltenen Mineralien sowie Kunstkammerstücke aus Perlmutt und Korallen vermuten. Dazu kamen Mitbringsel aus fernen Ländern, etwa ägyptische Mumien, Elefantenzähne und Tierpräparate sowie antike, zumeist römische Münzen sowie Medaillen von Angehörigen des Hauses Hohenzollern und Bildern befreundeter Fürstlichkeiten. Nicht zu vergessen Bücher, Zeichnungen, Manuskripte und Landkarten, die 1661 der vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gegründeten Bibliothek überwiesen wurden, aus der die heutige Staatsbibliothek hervor gegangen ist.

In den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, der Staatsbibliothek, den preußischen Schlössern und anderswo haben sich Reste dieses bunten, gelegentlich recht angestaubt wirkenden Sammelsuriums erhalten. Viele Kuriositäten und andere Objekte ging durch Kriege und Katastrophen verloren, manches wurde verkauft und gestohlen. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) etwa ging die nach Küstrin ausgelagerte Kunstkammer bis auf Reste zugrunde. Weitere Verluste musste der Bestand durch den Brauch hinnehmen, besonders ansehnliche Objekte als fürstliche Brautgeschenke zu verwenden. In Kriegs- und Krisenzeiten ließen die Könige von Preußen ohne Bedenken Edelmetallgegenstände und Möbel aus gediegenem Silber einschmelzen, um sie in klingende Münze zu verwandeln. Friedrich II. vernichtete damit unschätzbares Kulturgut, um die Schlesischen Kriege finanzieren zu können. Sein Vater, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., plünderte 1713 zur Schuldentilgung die Münz- und Medaillensammlung, indem er über 300 besonders große und schwere Stücke aus Gold dem Tiegel überantwortete und in Dukaten mit seinem Bildnis umwandeln ließ.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss
Von der edlen Ausstattung des Berliner Schlosses ist nur wenig erhalten geblieben. Verloren sind auch die Reliefs, die der Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow für die königlichen Paradesäle geschaffen hat. Leider hat man es im Humboldt Forum nicht für nötig erachtet, dieses wenigstens mit Abgüssen der beiden aus dem Parolesaal der Königskammern stammenden Reliefs an geeignetem Ort zu zeigen und damit an einen bedeutenden Berliner Künstler zu erinnern.
Die Schadow Gesellschaft Berlin e.V. hatte das mehrfach angeboten.

Dessen ungeachtet wurde die Kunstkammer vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinen Nachkommen systematisch und mit Kennerschaft ausgebaut. Sie konnten den Bestand durch Erbschaften und Ankäufe vermehren und bestellten Gelehrte zu Aufsehern. Um den im Berliner Schloss angehäuften Schatz publik zu machen, wurde unter Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. in Preußen, ein mit Kupferstichen ausgestatteter „Thesaurus Brandenburgicus“ veröffentlicht, der den Herrscher als ambitionierten Sammler lobt. Sein Enkel Friedrich II. richtete im Park Sanssouci eine Bilder- und Skulpturengalerie mit Stücken aus der alten kurfürstlichen Kunstkammer ein. Erstmal gestatte der königliche Bilder- und Skulpturensammler „anständig“ gekleideten Leuten, die Kunstschätze besichtigen. Außerdem ließ er unweit des Neuen Palais den Antikentempel einrichten, in dem er Skulpturen aufstellen ließ und Münzen in eigens gebauten kostbaren Schränken aufbewahrte.

Vom Kuriositätenkabinett ins Museum

Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis in Berlin aus den königlichen Sammlungen ein großes öffentliches Museum rekrutiert wurde. Um das 1830 eröffnete Haus am Lustgarten, uns bekannt als Altes Museum, und andere Museen ausstatten zu können, wurde auch die Kunstkammer um wichtige Stücke erleichtert. Was man nicht brauchte, wurde verschenkt oder verkauft. Was sich in verschiedenen Sammlungen erhalten hat, lässt ahnen, wie bunt zusammengewürfelt die vor 400 Jahren erstmals inventarisierte Kunstkammer gewesen sein muss. Herausragende Stücke werden in Ausstellungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beziehungsweise der Preußischen Schlösserstiftung gezeigt.

Kaiser Wilhelm II. ließ vor und nach 1900 das Hohenzollernschloss prächtig ausgestalten, wobei zumeist Rücksicht auf die Leistungen der alten Meister genommen wurde. So ließ er den Weißen Saal im Stil des Neobarock erweitern und die Weiße Treppe umgestalten. Die Maßnahmen wurden als wichtig erachtet, um Staatsakten und Banketten einen festlichen Rahmen zu geben sowie Macht und Größe des neuen Kaisertums demonstrieren zu können. Es ist es nicht verwunderlich, dass der mit einer aus der Zeit Friedrich Wilhelms IV. stammenden Riesenkuppel geschmückten Palast auf zahlreichen Postkarten, aber auch auf Reservistenkrügen und auf Medaillen abgebildet wurde. Hatte Wilhelm II. die vom „Volk“, also von ganz normalen Untertanen, benutzten Zugänge für die Höfe versperren lassen, wenn diese zeitsparend von einem Stadtteil zum anderen laufen wollten, so konnten sie nach dem Auszug der Kaiserfamilie und ihres Hofes das Schloss ungehindert betreten. Sie dürften bei ihren Besuchen über Pracht, Prunk und Protz gestaunt haben und lernten die mit unzähligen „Arbeitergroschen“, wie man damals sagte, finanzierte luxuriöse Lebenswelt der „oberen Hundert“ kennen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss
Bild 7 und 8) Kaiser Wilhelm II., der 1888 mit 29 Jahren auf den Thron kam, sorgte dafür, dass der Palast nur von ihm und seinesgleichen samt Dienerschaft betreten werden durfte. Erst nach dem Ende der Monarchie konnte sich das „Volk“ in den Parade- und Prunksälen sowie im neu gegründeten Schlossmuseum umschauen.

Nachfolger und Nachmieter

Der Berliner Fernsehjournalist und Buchautor Christian Walther ging der Frage nach, was aus dem Schloss nach der Entmachtung der Hohenzollern in der Novemberrevolution 1918 wurde. Sein Buch „Des Kaisers Nachmieter – Das Berliner Schloss zwischen Revolution und Abriss“ erschien 2021 im Verlag Berlin-Brandenburg, hat 184 Seiten und zahlreiche zum Teil farbige Abbildungen und kostet 25 Euro (ISBN 978-3-947215-28-7). Schon das Bild mit einfachen Arbeitern auf dem Cover, die sich auf dem Dach des herrenlos gewordenen Stadtschlosses mit Kartenspiel die Zeit vertreiben, und einer Frau im Kittelrock, die über die Balustrade schaut, zeigt den fundamentalen Wandel von der Monarchie zur Republik und lädt ein, sich mit einem wenig bekannten Stück Geschichte des Bauwerks zu befassen, mit seiner neuen Nutzung als Schlossmuseum, Wissenschaftsstandort und von Behörden, aber auch mit den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und dem Abriss 1950 auf Befehl der SED sowie dem Bau und Ende des Palasts der Republik.

Was sich seit der damals stark umstrittenen Beseitigung des Palasts der Republik zwischen 2006 und 2008 anschloss, muss in Büchern über das nach Plänen von Franco Stella neu gebaute und im Sommer 2021 eröffnete Humboldt-Forum nachgelesen werden. Mit der wiederhergestellten Barockfassade und der mächtigen Kuppel versehen, lädt der Riesenbau zum Besuch von Ausstellungen der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz sowie der Humboldt-Universität und des Stadtmuseums und zum Verweilen in den Höfen ein. Mancher Besucher wird sich fragen, welches Schicksal das Schloss nach dem ruhmlosen Abgang der Hohenzollern hatte und wie es ihm im Zweiten Weltkrieg und danach erging.

Entrümpelte Privaträume des Kaisers

Sehr vorsichtig gingen die Leute vom Schlossmuseum mit den Privaträumen des Kaisers und seiner Familie um. Wie im Neuen Palais im Potsdamer Park Sanssouci, der kaiserlichen Sommerresidenz bis Ende 1918, so wurde auch im Berliner Stadtschloss alles vermieden, was vom Publikum wie ein Gruselkabinett hätte wahrgenommen werden können. Mit anderen Worten hat man die Privaträume entrümpelt und nach Umbauten erst 1926 öffentlich zugänglich gemacht. Um beim Publikum kein „wollüstiges Schaudern“ aufkommen zu lassen, wie der Kunstkritiker Max Osborn schrieb, wurden weder die kaiserlichen Schlafzimmer noch dazu gehörige Möbel gezeigt, sondern alles darangesetzt, das Schlossmuseum als „wahre Schatzkammer von künstlerischem und kunsthistorischen Einzelheiten hohen Ranges“ erlebbar zu machen.

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Schadow Gesellschaft Berlin: Berliner Schloss
Zunächst skeptisch als eine Art „Disneyland“ beurteilt und abgelehnt, entwickelte sich das Humboldt Forum im wieder aufgebauten Berliner Schloss zu einem erstklassigen Kultur- und Kunststandort. Der barocke Schlüterhof ist zu jeder Jahres- und Tageszeit einen Besuch wert und ein beliebter Treffpunkt dazu.

Während der Nazizeit wurde das Bauwerk von den Plänen, Berlin in die Welthauptstadt Germania zu verwandeln, nicht tangiert. Hitler und sein Stararchitekt Albert Speer machten um das Stadtschloss einen großen Bogen. In dem von der NS-Zensur als „Staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll und jugendwert“ eingestuften Spielfilm „Andreas Schlüter – Baumeister des Königs“ von 1942 mit Heinrich George in der Hauptrolle wurden die von dem Meister der barocken Bildhauerei und Architektur geschaffenen Prunkräume ausführlich gezeigt und gewürdigt. Sieben Jahre später war die Pracht restlos zerstört und verschwunden.

Kurzes Leben vom Palast der Republik

Das Berliner Schloss, an dessen Stelle 1973 bis 1976 der Palast der Republik errichtet wurde, hätte aufgebaut werden können, wenn die Mächtigen in der DDR es nur gewollt hätten, waren sich Experten einig. Die dicken Außenmauern waren im Wesentlichen erhalten, wenn auch stark beschädigt, und viele Innenräume und Treppenhäuser existierten noch. Um die Öffentlichkeit zu trösten, wurde angekündigt, dass „der Lustgarten durch den Abriss des Schlosses erheblich erweitert wird.“ Künstlerisch wertvolle Teile, wie der Schlüterhof, würden erhalten bleiben und an anderer Stelle Aufstellung finden. Zwar war nicht vom „Roten Platz“ wie in Moskau als Aufmarschort die Rede, aber man wusste, dass die SED-Führung und DDR-Regierung einen solchen, in die „werktätigen Massen“ paradieren würden, wünschte. Das ist alles Geschichte, die im heutigen Humboldt Forum nicht ausgespart wird. Ein Verein möchte auf dem Schlossplatz ein kleines Modell aus Bronze vom ehemaligen Palast der Republik aufstellen und damit die Erinnerung an den kommunistischen Bildersturm von 1950 und „Erichs Lampenladen“ 25 Jahre später wachhalten.

 


Text, Fotos und Reproduktionen: Helmut Caspar

Literaturtipp:
„Etablirt im Schlosse? Johann Gottfried Schadow im Berliner Schloss. Schriftenreihe der Schadow Gesellschaft Berlin e. V. 2019 Bd. XVII