Johann Gottfried Schadows Münzfries wird bald in der Bastion Königin restauriert.
Die Berliner Kulturlandschaft, und nicht nur sie, leidet unter kaum zu ertragenden Sparzwängen. Mehrere Milliarden Euro müssen in allen Ressorts aufgebracht und eingespart werden, auch im Kulturbereich. Betroffen sind hier Theater und Opern, die Freie Szene und die Museen. Sie alle müssen sich auf harte Zeiten einstellen. Da ist es gut zu wissen, dass die Spandauer Zitadelle jeden Sonntag bei freiem Eintritt besucht werden kann. Auf dem weitläufigen Gelände hinter dem mit dem kurbrandenburgischen Wappen geschmückten Eingangsgebäude finden regelmäßig Konzerte und Volksfeste statt, und auch das gastronomische Angebot lockt viele Gäste an.




Die Festungsanlage ist ein Museumssandort der Extraklasse, quasi eine Museumsinsel der etwas anderen Art. Gezeigt werden Zeugnisse der Stadt-, Rüstungs-, Industrie- und Filmgeschichte. In einzelnen Gebäuden wird die Geschichte der Stadt und Zitadelle Spandau und der Region anhand von archäologischen Fundstücken sowie Skulpturen, Gemälden und Grafiken, aber auch von Erzeugnissen aus der Industrie und dem Handwerk erzählt. In der ehemaligen Exerzierhalle sind historische Kanonen ausgestellt, und im früheren Proviantmagazin werden Skulpturen aus Marmor, Sandstein und Bronze aus dem 18. bis 20. Jahrhundert gezeigt, die aus politischen, konservatorischen und anderen Gründen von Berliner Straßen und Plätzen genommen und in einem extra für sie geschaffenen Lapidarium eine neue Heimstatt fanden. Ausgestellt sind hochkarätige Bildhauerarbeiten von der in der Kaiserzeit errichteten Berliner Siegesallee, aber auch Zeugnisse politischer Staatskunst aus der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR. Als Neuzugänge sind die so genannten Thorak-Pferde aus Bronze zu sehen, die ursprünglich Hitlers Reichskanzlei schmückten und nach einer wahrhaft filmreifen Irrfahrt hier Asyl fanden.
In Kürze sollen die seit Jahrzehnten in den Katakomben des Kreuzbergdenkmals deponierten Reliefs von Johann Gottfried Schadows Münzfries zu Bastion Königin transportiert und in einem großen Gewölbe unter den Augen der Besucher begonnen werden Platte für Platte zu reinigen und zu restaurieren. Die Schadow Gesellschaft Berlin und die Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin betreuen das Projekt und freuen sich, dass das klassizistische Bildwerk, das vor über 200 Jahren die Fassade der Alten Münze auf dem Friedrichswerder unweit des Berliner Schlosses schmückte, aus dem Dornröschenschlaf erweckt wird. Viel zu lange war das Meisterwerk der Bildhauerkunst um 1800 den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Nun besteht die Chance, die vom „Zahn der Zeit“ lädierte Bilderfolge mit Szenen aus dem Bergbau, der Metallverarbeitung und Münzprägung, aber auch aus der Landwirtschaft, dem Handel und Anhäufen von Schätzen ganz nahe, quasi Aug in Auge zu betrachten und Feinheiten der einmaligen Bildhauerarbeit zu studieren. Die in die Front der ehemaligen Reichsmünze und nach dem Zweiten Weltkrieg Münze der DDR am Molkenmarkt in Berlin-Mitte eingelassene Kopie aus den 1930er Jahren reicht an das Original nicht heran.




Spandau war bis zur Bildung von Groß-Berlin 1920 eine selbstständige Stadt. Die Eingliederung in Reichshauptstadt verlief hier und auch in anderen Kommunen wie Charlottenburg, Wilmersdorf oder Köpenick nicht ohne Komplikationen. Gut mit der S-Bahn und der U-Bahn zu erreichen, sind Spandau und seine Zitadelle zu jeder Jahres- und Tageszeit eine Reise wert. Die im 16. Jahrhundert nach Plänen des italienischen Festungsbaumeisters Rochus von Lynar erbaute Festung ist nicht nur die am besten erhaltene Anlage dieser Art weit und breit, sondern auch ein beliebtes Touristenziel. Im Hauptgebäude wird das unter anderem das Befestigungsprogramm der brandenburgischen Kurfürsten im 16. und 17. Jahrhundert dokumentiert.
Manche Besucher fragen, warum der Juliusturm mit einer ungewöhnlich starken Tresortür gesichert ist und erfahren, dass in dem Gemäuer aus dem späten 16. Jahrhundert von 1874 bis 1919 der Reichskriegsschatz eingelagert war. Ein Gesetz hatte 1871 festgelegt, dass das Deutsche Reich eine Goldreserve von 40 Millionen Talern beziehungsweise 120 Millionen Mark „zu Ausgaben nur für Zwecke der Mobilmachung“ anlegt. Die für den Reichskriegsschatz verwendeten Goldmünzen zu 20 und zu zehn Mark waren 1873 in einem großen Kraftakt in Berlin mit dem Kopf Kaiser Wilhelms I. geprägt worden. Das Geld wurde in 1200 Kisten mit je 100 000 Mark verpackt und im Juliusturm verwahrt. Ursprünglich sollte der Goldschatz in einem Keller des Berliner Schlosses eingelagert werden. Dann aber wurde entschieden, dass er im besser gesicherten Juliusturm der Spandauer Zitadelle aufbewahrt werden soll. Er wurde zum Inbegriff für sicher verwahrtes, aber unproduktives Staatsvermögen. Bereits in der Kaiserzeit wurde bemängelt und auch vorgerechnet, dass man die vielen Gold-Millionen besser mit anlegen könnte. Die Reichsregierung ließ aber nicht mit sich reden.




Für diesen Standort gab es gute Gründe, denn die Anlage war (und ist) von Wasser umgeben, wurde von Soldaten schwer bewacht und galt als sicherer als das Berliner Stadtschloss, bei dem man nicht immer wissen konnte, wer dort ein und aus geht. Um den 32 Meter hohen Juliusturm für seine neue Aufgabe zu ertüchtigen, waren zahlreiche Umbauarbeiten nötig. Aus Sicherheitsgründen hat man eine Kaminnische zugemauert, weil man befürchtete, Diebe könnten durch den Schlot einsteigen. Nach dem Ersten Weltkrieg musste das Deutsche Reich den 1913 mit Blick auf kommende Konflikte noch einmal um 120 Millionen Mark aufgestockten Reichskriegsschatz aufgrund des Versailler Vertrags an Frankreich abgeben. Unser Nachbarland hatte nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 Entschädigungen im Wert von fünf Milliarden Francs an das neue deutsche Kaiserreich zahlen müssen.


Nur wenige Schritte vom Juliusturm kann man in die älteste Vergangenheit von Spandau eintauchen. In einem Schauraum können sie Ergebnisse archäologischer Grabungen aus Keramik, Stein, Metall und anderem Material betrachten. Zu sehen sind ferner Reste einer slawischen Holz-Erde-Mauer sowie einer steinernen Burgmauer und der Schlossanlage aus der Renaissancezeit. In dem Archäologisches Fenster genannten Gewölbe sind jüdische Grabsteine aufgestellt. Nach einem Pogrom und der Vertreibung der Juden vor über 500 Jahren hat man die Steine als Baumaterial für die Befestigungsanlagen benutzt. Von Archäologen ausgegraben, erzählen sie vom Leben der Juden im mittelalterlichen n Spandau, das erst unterm Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm um 1670 wieder geduldet wurde. Dass man die alten Steine vermauert hat, sicherte ihnen das Überleben bis heute.


Die in einem ehemaligen Magazingebäude aufgestellten Standbilder brandenburgischer Markgrafen und Kurfürsten sowie preußischer Könige aus Marmor mit all ihren Ministern und Militärs wurden von Kaiser Wilhelm II. als „Ehrengeschenk“ an die Berliner in Auftrag gegeben, von diesen aber als Puppenallee und Marmorameer verspottet. Das Ensemble schmückte den Berliner Tiergarten, überstand stark beschädigt den Zweiten Weltkrieg und wurde zunächst im Garten des Schlosses Bellevue vergraben. Nachdem die Arbeiten namhafter Bildhauer der Kaiserzeit wieder ans Tageslicht gelangt waren, hat man sie provisorisch in einem ehemaligen Wasserwerk am Halleschen Ufer im Bezirk Kreuzberg aufgestellt. Der Umzug in der Spandauer Zitadelle ging einher mit einer Neubewertung der beschädigten Figurenfolge, die in der Zitadelle eine neue Heimat fand.
Text und Fotos: Helmut Caspar