Beim Besuch der erneuerten Hohenzollerngruft im Berliner Dom notiert.
Berlin hat eine neue Attraktion, genauer gesagt, eine neue und zugleich alte Attraktion in Gestalt der im Untergeschoss des Doms am Lustgarten eingerichteten der Hohenzollerngruft. Die Sanierung, Restaurierung und Neuaufstellung der 91 Särge brandenburgischer und preußischer Herrscher und ihrer Familienangehörigen aus fünf Jahrhunderten wurde Ende Februar 2026 abgeschlossen, und tausende Besucherinnen und Besucher folgten der Einladung der Oberpfarr- und Domkirche zu einem kostenlosen Besuch der 1400 Quadratmeter großen, schwach beleuchteten Grablege. Sie gehört zu den bedeutendsten Anlagen dieser Art in Europa, ist aber in Berlin und bei seinen Gästen weitgehend unbekannt. Im Herzen der Stadt gelegen, zählt die für Gottesdienste, Konzerte und offizielle Staatsakte genutzte Kirche zu den prachtvollsten Sakralbauten unseres Landes und ist eine bedeutende Andachtsstätte und Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt mit jährlich hunderttausenden Besuchern. Von der Balustrade unter der gewaltigen Kuppel hat man einen wunderbaren Blick auf die City und angrenzende Bezirke. Im Inneren ziehen Skulpturen, farbige Mosaiken und Fenster, der Altar und die Orgel und seitlich aufgestellt Prunksarkophage von der Renaissance bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert bewundernde Blicke auf sich.

Den Auftrag zu dem repräsentativen Bau- und Kunstdenkmal gab Kaiser Wilhelm II. Von 1893 bis 1905 nach Plänen von Julius Carl Raschdorff in Formen der Neorenaissance und des Neobarock errichtet, besteht der Dom aus der Predigtkirche, der Tauf- und Traukirche, dem Dommuseum und der Hohenzollerngruft. Nach elfjähriger Bauzeit war der am 27. Februar 1905 von Wilhelm II. und seiner Gemahlin Auguste Victoria im Beisein der „Spitzen des Reiches“ mit militärischem Gepränge eingeweiht worden. Seine Majestät wurde beim Festakt mit schmeichlerischen Worten als Schöpfer des Doms bezeichnet. Der Architekt Julius Carl Raschdorff, der sich zahlreichen Änderungswünschen des Kaisers beugen musste, wurde bei dem Festakt nur am Rande erwähnt und erhielt den Titel eines Geheimen Oberregierungsrates.
Nach dem Ende der Monarchie im November 1918 gab es den Wunsch, den wie aus der Zeig gefallenen Prunkbau abzureißen oder wenigstens seines üppigen Skulpturenschmucks zu entkleiden. Aus Kostengründen hat man auf diesen Bildersturm verzichtet. Als es seit den 1980er Jahren an den Wiederaufbau und die Restaurierung des im Zweiten Weltkrieg stark beschädigten Doms ging, wurde alles unternommen, den alten Zustand außen und innen wiederherzustellen. Lediglich hat man die Riesenkuppel und die Kuppeln auf den Seitentürme in reduzierter Form neu gebaut. Die Kirche spiegelte sich sehr zum Ärger von Honecker & Co. in den Fenstern des benachbarten Palasts der Republik. Während dieser in den 1990er Jahren abgerissen wurde, um Platz für das Humboldt Forum zu machen, gingen die Wiederherstellungs- und Restaurierungsarbeiten im Inneren zügig voran. Alte Zeichnungen, Fotos und Modelle leisteten bei dieser komplizierten Arbeit gute Dienste.
Verloren gegangen ist die im Krieg stark beschädigte Denkmalkirche. Ihre Rettung hielt die DDR-Regierung für unnötig, und so wurde sie Ende Oktober 1975 abgerissen. Ihre Konturen sind an der Fassade des Doms zur Museumsinsel hin zu erkennen. An ihren Wiederaufbau ist auf lange Zeit nicht zu denken, denn die Domkirche wäre finanziell überfordert. Sie bekam für die Instandsetzung der Gruft und Neuausrichtung der Särge für knapp 30 Millionen Euro bedeutende Zuschüsse vom Bund und dem Land Berlin sowie von Stiftungen und privaten Spendern und hat lange Zeit mit der Erneuerung der in die Jahre gekommenen Infrastruktur des Gotteshauses alle Hände voll zu tun.
Die 91 Särge und drei Skulpturen, die 1999 der Öffentlichkeit in den dunklen Katakomben des Berliner Doms zugänglich gemacht worden waren, hat man nach Schließung der Gruft im April 2020 verpackt und an einen sicheren Ort gebracht. Vorsicht war geboten, denn die Särge hatten bereits einige Umzüge hinter sich – so von der mittelalterlichen Kirche des Domstifts am Schloss in den 1750 nach Plänen von Johann Boumann dem Älteren und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbauten neuen Dom am Lustgarten über eine interimistische Unterbringung im Monbijou-Park bis zur heutigen Gruft in dem riesigen Gotteshaus aus der Zeit Kaiser Wilhelms II.
In der Ausstellung ist zu erfahren, dass bei den Hohenzollern, und nicht nur bei ihnen, die Kindersterblichkeit sehr hoch war. Dass in der Herrscherfamilie zeitweilig mehr Kinder starben im Durchschnitt der Bevölkerung, hatte mehrere Gründe. Am fürstlichen Hof erhielten Säuglinge meist keine Muttermilch. Stattdessen wurden sie von Ammen gestillt. Häufig bekamen sie viel zu früh feste Nahrung. Außerdem verbreiteten sich damals selbst am Hof zu Berlin Infektionskrankheiten durch mangelnde Hygiene besonders leicht. Die damalige Medizin konnte wenig helfen.
Der Erhalt der Dynastie aber war oberstes Ziel des Herrscherhauses und ließ sich nur mit zahlreichen Nachkommen sichern. Das Überleben der Fürstenhäuser und damit auch der Hohenzollern hing davon ab, ob die Thronfolge durch Prinzen, nicht von Prinzessinnen gesichert ist. Es kam vor, dass Dynastien ausstarben, weil sie keine männlichen erben hatten. Daraus entwickelten sich, unvorstellbar für uns heute, regelrechte Erbfolgekriege. Als Königin Sophie Dorothea wieder einmal „nur“ ein Mädchen zur Welt brachte, reagierte ihr Ehemann, Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., ungehalten. Fast immer waren die Abstände zwischen den Schwangerschaften kurz, dies schwächte in vielen Fällen Mutter und Kind.
Beim Tod von Fürstenkindern galten spezielle Trauerregeln, man hat sie gar nicht oder nur kurze Zeit öffentlich betrauert. Die Särge sind wie die der Erwachsenen prunkvoll gestaltet und bezeugen die hochherrschaftliche Abstammung der Toten. Nicht selten haben die Mütter von ihren toten Kindern aus Wachs modellierte Skulpturen anfertigen lassen, wie ein Exponat in der Hohenzollerngruft zeigt. Kein geringer als der Bildhauer und Schlossbaumeister Andreas Schlüter schmückte den Sarg des nur wenige Monate alt gewordenen Friedrich Wilhelm, Sohn des späteren Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., mit der Figur eines Säuglings.
Das Berliner Landesdenkmalamt und die Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin brachten 2005 im Deutschen Kunstverlag München-Berlin das Buch „Die Hohenzollerngruft und ihre Sarkophage. Geschichte, Bedeutung, Restaurierung“ heraus. Unter dem Motto „Alle Erinnerung ist Gegenwart“ wird ausführlich geschrieben, wie sich die Gestaltung der Sarkophage im Laufe von fünf Jahrhunderten gewandelt hat, welche Zeremonien bei fürstlichen Begräbnissen stattfanden und welche restauratorischen Maßnahmen bei einzelnen Sarkophagen angewandt wurden. Zu erfahren ist auch, welche Grabbeigaben gesichert wurden, und zum Schluss listet das Buch in chronologischer Reihenfolge auf, wer in welchen Sarkophagen liegt und was sie uns heute zu sagen haben.
Beim Rundgang durch das Grabgewölbe ist zu sehen, dass die mal prunkvoll, mal ganz einfach gestalteten Särge aus Stein, Metall und Holz mit den sterblichen Überresten von Kurfürsten und Kurfürstinnen, Königen und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen neu analog zur Anordnung bis zum Zweiten Weltkrieg aufgestellt sind. Durch Bombeneinschlag beschädigt und später durch Vandalismus geschändet und beraubt, bot die Gruft jahrzehntelang ein Bild des Jammers. Kaum jemand hatte Zutritt, doch was sie berichteten, war wie auch der Zustand des kriegsbeschädigten Doms ausgesprochen unerfreulich. Im Zusammenhang mit der Sicherung und Erneuerung des kaiserzeitlichen Prunkbaus wurde auch in der Hohenzollerngruft Ordnung und Übersicht hergestellt. Wer sie vor der Schließung2020 besichtigt hat, fühlte sich irgendwie in dem schwach beleuchteten Raum ohne Klimaanlage unwohl. Durch Atemluft und Ausdünstungen gab es eine hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme sowie Schimmel- und Insektenbefall, die den Särgen, ob sie aus Zinn, Marmor oder Holz bestehen, nicht gut taten, weshalb an diesem unersetzlichen Kulturgut gehandelt werden musste.
Das Berliner Landesdenkmalamt und die Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin brachten 2005 im Deutschen Kunstverlag München-Berlin das Buch „Die Hohenzollerngruft und ihre Sarkophage. Geschichte, Bedeutung, Restaurierung“ heraus. Unter dem Motto „Alle Erinnerung ist Gegenwart“ wird ausführlich geschrieben, wie sich die Gestaltung der Sarkophage im Laufe von fünf Jahrhunderten gewandelt hat, welche Zeremonien bei fürstlichen Begräbnissen stattfanden und welche restauratorischen Maßnahmen bei einzelnen Sarkophagen angewandt wurden. Zu erfahren ist auch, welche Grabbeigaben gesichert wurden, und zum Schluss listet das Buch in chronologischer Reihenfolge auf, wer in welchen Sarkophagen liegt und was sie uns heute zu sagen habe.

Da die Pflege und der Unterhalt des Berliner Doms und auch der Hohenzollerngruft viel, sehr viel Geld kostet und die kleine Domgemeinde die Mittel trotz großer staatlicher Zuschüsse allein nicht aufbringen kann, muss für die jetzt barrierefrei gewordene Besichtigung 15 Euro Eintritt bezahlt werden. Beim Gottesdienst und beim Besuch der als Raum der Stille genutzten Tauf- und Traukirche fallen solche Zahlungen nicht an.
Text und Fotos: Helmut Caspar