Fläche nahe der Marienkirche in Berlin-Mitte wird umgestaltet.

Das Lutherdenkmal in der Nähe der Berliner Marienkirche soll gestalterisch aufgewertet werden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hat für den Bezirk Mitte ein europaweites Verhandlungsverfahren abgeschlossen. Aus ihm ging der Entwurf des Planungsbüros BASD – Gerhard Schlotter und Claudia Kruschel-Bücker Architekten – in Zusammenarbeit mit den Künstlern Maria Vill und David Mannstein siegreich hervor. Das Planungsbüro verfügt über langjährige Erfahrungen bei der Sanierung von Denkmalen und legt nun einen als behutsam bezeichneten Entwurf für die Neugestaltung des an der Karl-Liebknecht-Straße auf einer öden Fläche wenig wirkungsvoll aufgestellten Bronzemonuments und seiner Umgebung vor. Der Entwurf sieht einen erhöhten Natursteinsockel, eine umlaufende Sitzbank und eine Informationsstele vor, die über die wechselvolle Geschichte der Anlage berichtet. Die Grün Berlin GmbH wird das Lutherdenkmal im Rahmen der schon begonnenen Neugestaltung des Rathausforums und Marx-Engels-Forums realisieren.

 alt=

Etwas verloren steht die Lutherfigur nicht weit von der Marienkirche am Rand der Karl-Liebknecht-Straße.

Die Aufwertung des Lutherdenkmals ist Teil der Städtebaufördermaßnahme „Berliner Mitte“, die der Senat im August 2025 in das Städtebauförderprogramm „Lebendige Zentren und Quartiere“ aufgenommen hat. Insgesamt stehen bis zu 1,5 Millionen Euro für das Lutherdenkmal und 2,4 Millionen Euro für die Gestaltung des Umfelds inklusive Baumpflanzungen bereit. Ziel ist es, das wie verloren am Straßenrand stehende Denkmal besser sichtbar zu machen und die Aufenthaltsqualität an diesem Ort zu verbessern.

 alt=

Der prämiierte Gestaltungsentwurf wird die Lutherfigur aufwerten und ihre kunst- und stadtgeschichtliche Bedeutung auf dem ehemaligen Neuen Markt neben der Marienkirche betonen.
Foto: Planungsbüro BASD

Das Lutherdenkmal von 1895 auf dem Neuen Markt an der Marienkirche verband den Reformator mit mehreren Begleitfiguren und stand auf einem Sockel mit Treppenstufen. Die Ausführung in Bronze erhöhte die repräsentative Wirkung. Die Assistenzfiguren fielen während des Zweiten Weltkriegs ähnlich wie andere Monumente sowie Kirchenglocken aus Bronze der Rüstungsindustrie zum Opfer. Die Treppenanlage wurde nach 1945 beseitigt.

 alt=

So sah das Berliner Lutherdenkmal um 1900 aus. Übrig blieb nur die Figur des Reformators aus Bronze.

Ende Oktober 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, wurde an der Marienkirche, nicht weit vom Fernsehturm entfernt, die Bronzefigur Martin Luthers wieder aufgestellt. Die Rückführung der Bronzeplastik vom „Verbannungsort“ Stephanusstiftung in Weißensee in die Mitte der Stadt rückte ein wichtiges Werk der Bildhauerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts wieder ins öffentliche Bewusstsein.

Während anderswo Martin Luther schon auf Denkmalssockeln stand – so in Dresden, Eisenach, Eisleben, Wittenberg und Worms -, ließ man sich in der, ab 1871 deutschen Hauptstadt, einem Hort des Protestantismus, viel Zeit, dem Reformator ebenfalls ein Erinnerungsmal zu setzen. Nachdem 1885 ein „Comité für die Errichtung eines Luther-Denkmals in Berlin“ zusammengetreten war, bekam der Plan langsam Konturen. Preisträger eines künstlerischen Wettbewerbs war der in Rom lebende Paul Otto, dem wir auch das Denkmal Wilhelm von Humboldts (1886) vor der Universität verdanken. Für den Bildhauer war offensichtlich das von Ernst Rietschel für Worms geschaffene mehrfigurige Lutherdenkmal vorbildlich, eine Anlage, die zwischen 1858 und 1868 entstand. Nach Ottos Tod im Jahre 1893 vollendete sein Berliner Kollege Robert Toberentz das Berliner Lutherdenkmal, das am 11. Juni 1895 mit großem zeremoniellem Gepränge auf dem Neuen Markt an der Kaiser-Wilhelm-Straße, der heutigen Karl-Liebknecht-Straße, enthüllt wurde. Paul Otto stand für sein Lutherdenkmal reiches Porträtmaterial des 16. Jahrhunderts zur Verfügung. So war er nicht auf Vermutungen und phantasievolle Ausschmückungen angewiesen.

Wie das Monument ursprünglich ausgesehen hat, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. In einer Beschreibung von 1905 heißt es: „Zu der von einer Balustrade umgebenden Plattform steigt man auf zehn Stufen empor. Aus der Mitte der zahlreichen, in charakteristischen Stellungen den Sockel umgebenden Gestalten, die Gehilfen Dr. Martin Luthers darstellend, erhebt sich die hochragende Gestalt des kühnen Reformators. In der Linken die aufgeschlagene Bibel haltend, mit der Rechten, voll heiliger Überzeugung auf die Schrift weisend“.

Nach Ottos Konzeption fanden zu Luthers Füßen treue Mitstreiter Platz. Philipp Melanchthon, Luthers engster Mitstreiter in Wittenberg, und Johannes Bugenhagen, der Reformator von Pommern, standen ihm zur Seite. An der vorderen linken Ecke des Granitsockels sah man Justus Jonas und Caspar Cruciger, Luthers Gehilfen bei der Bibelübersetzung, und an der rechten Ecke Johannes Reuchlin und Georg Spalatin. Um das Werk zu krönen, nahmen zwei weitere Persönlichkeiten der Lutherzeit Aufstellung – Franz von Sickingen, der kampfentschlossen ein Schwert über das Knie gelegt hat, und Ulrich von Hutten, der als Humanist und Dichter sein Wort für die geistige Wende erhob. Diese von Robert Toberentz geschaffenen Figuren wurden von der zeitgenössischen Kritik als bemerkenswert in ihrer kraftvollen Bewegung und scharfen Charakteristik gelobt.

Martin Luther war schon zu Lebzeiten eine Legende. Sein Konterfei wurde auf zahlreichen Holzschnitten und Kupferstichen verbreitet, sogar auf Altarbildern hat man ihn verewigt. Kaum zu überschauen ist die Zahl der Münzen und Medaillen mit dem Bildnis des Mannes, der wie kein anderer die religiösen und geistigen Grundfesten seiner Zeit erschüttert und außerdem durch die Bibelübersetzung für die Entwicklung der deutschen Sprache außerordentlich viel geleistet hat.

Obwohl Luther ein populärer Mann war und in jenen Ländern geradezu kultisch verehrt wurde, die sich zum Protestantismus bekannten, dauerte es drei Jahrhunderte, bis unter freiem Himmel ein ihm gewidmetes Denkmal aufgestellt werden konnte. Zwar hatte 1739 der Leipziger Schriftsteller Johann Christoph Gottsched anlässlich des 100. Todestages seines Dichterkollegen Martin Opitz gefordert, man möge die „Verdienste großer Männer, die ihrem Vaterlande wichtige Vortheile verschaffet, ihren Mitbürgern viel Ehre gemachet, durch ansehnliche Denkmäler und sonderbare Ehrenzeichen dem Andenken der Nachwelt empfehlen“. Doch blieben solche Monumente zunächst Monarchen und Feldherren vorbehalten.

Im Zuge der Aufklärung und angesichts der Erschütterungen, die die französische Revolution von 1789 dem Feudalsystem beibrachte, wurden verdienstvolle Persönlichkeiten bürgerlicher Herkunft und Profession, also auf Gelehrte, Geistliche, Politiker und Künstler, in das ehrende und eherne Gedächtnis einbezogen. Den Anfang mit einem öffentlichen Lutherdenkmal machte Wittenberg, die langjährige Wirkungsstätte des Reformators.

Nach dem Wiener Kongress (1815) waren große Teile des katholisch regierten Königreichs Sachsen, das mit den Franzosen zu den Verlierern der Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 gehörte, an Preußen gefallen. Dessen Herrscherhaus, die Hohenzollern, hatte sich 1539 zu Luthers Lehre bekannt. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der 1815 in den Besitz der Kernlande des Lutheranertums gekommen war, fühlte sich verpflichtet, Luthers Erbe zu pflegen und zu bewahren. Er erteilte dem Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow den Auftrag für ein Standbild in Wittenberg. Gedacht war an „eine kolossale Bildsäule Luthers von Bronze, die Bibel in der linken Hand, auf einem viereckigen, mit angemessenen architektonischen Verzierungen versehenen Fußgestell von rotem Granit auf dem Markt zu Wittenberg“.

 alt=

Johann Gottfried Schadows 1821 in Wittenberg enthülltes Lutherdenkmal fand im 19. und 20. Jahrhundert noch manche Nachfolger. Die von Rudolf Siemering für Eisleben und von Adolf von Donndorf für Eisenach geschaffene Monumente stammen aus den Jahren 1883 Jahr und 1895.

Der König entschied, dass das Denkmal nicht in Mansfeld, wo es ursprünglich stehen sollte und für das man auch schon Geld gesammelt hatte, oder in Luthers Geburts- und Sterbestadt Eisleben, sondern im nunmehr preußischen Wittenberg aufgestellt werden soll, wo der Reformator lange gelebt hat und auch bestattet wurde. Der Grundstein wurde vom Landesherrn im Beisein der königlichen Familie und des Hofes am 1. November 1817 anlässlich der Dreihundertjahrfeier des Thesenanschlags an die Wittenberger Schlosskirche gelegt.
Am Reformationstag 1821 konnte das auf hohem Granitsockel stehende Monument samt Baldachin bei Trompeten- und Paukenschall enthüllt werden. „Abends war die Stadt erleuchtet, das Denkmal mit flammenden Pechpfannen umstellt“, notierte der Bildhauer. Erwähnt sei noch, dass es in Rom, dem Zentrum der katholischen Welt, mehr als fünfhundert Jahre dauerte, bis man sich entschloss, einen Platz nach dem deutschen Reformator zu benennen. Er ist landschaftlich schön gelegen, doch das Namensschild bescheiden und wenig ansehnlich.

 alt=
Schadow Gesellschaft Berlin: Lutherdenkmal, Marienkirche
Die Weihe der Lutherdenkmäler in Wittenberg und Worms war 1821 und 1868 die Prägung von Medaillen wert, die man an Ehrengäste verschenkte, aber auch zur Finanzierung der Ausgaben verkaufte.

Zum Wittenberger Lutherdenkmal unter einem eisernen Baldachin gesellte sich 1865 das von dem Berliner Bildhauer Friedrich Drake geschaffene Denkmal von Philipp Melanchthon. Um Einheitlichkeit zu wahren, wurde über dem „Lehrmeister Deutschlands“ und engsten Mitarbeiter Martin Luthers ebenfalls ein Baldachin errichtet, was auf lange Sicht gesehen für den Zustand der Bronzefiguren durchaus von Segen war. Das Wittenberger Lutherdenkmal war der Ausgangspunkt zahlreicher weiterer auf Marktplätzen sowie vor und in Kirchen aufgestellter Monumente zur Erinnerung an den Reformator, und man kann ohne Übertreibung sagen, dass mit Schadows Monument der Bann gebrochen wurde, denn von nun an folgte Schlag auf Schlag überall im damaligen Deutschen Bund die Errichtung von Standbildern zur Erinnerung an berühmte und verdienstvolle Persönlichkeiten. Das 19. Jahrhundert wurde so zum Jahrhundert der Denkmäler, und dabei spielten die Luther, den „Lehrer der deutschen Nation“, wie Herder 1792 sagte, gewidmeten „Bildsäulen“ eine hervorragende Rolle.

 


Text, Repros und Fotos ohne weitere Angabe: Helmut Caspar