Zahllose Gemälde, Skulpturen und Münzen fielen vor 220 Jahren in die Hände der Franzosen, nicht alle kamen 1814 zurück.
Nach dem Sieg der Franzosen in der Schlacht von Jena und Auerstedt über preußische und sächsische Truppen weilte Kaiser Napoleon I. vom 24. bis 26. Oktober 1806 in Potsdam und wohnte im Stadtschloss. Am Grab Friedrichs des Großen in der Garnisonkirche sagte er: „Wenn du noch lebtest, stünde ich nicht hier.“ Nach der Besichtigung des Neuen Palais, der Neuen Kammern und von Schloss Sanssouci ritt er und sein Gefolge über Charlottenburg nach Berlin. Dort traf er am 27. Oktober 1806 in Berlin ein, wo er bis zum 25. November blieb. In Berlin dekretierte er die Kontinentalsperre, mit der er England, seinen Hauptfeind, wirtschaftlich zu schädigen suchte. Dem Eroberer auf dem Fuß folgte sein oberster Kunstexperte und Kunsträuber Dominique Vivant Denon. Ihm fielen in Potsdam und Berlin unzählige antike und moderne Statuen, Büsten und Reliefs, aber auch antike Münzen und andere Objekte in die Hände. Ziel des groß angelegten Kunstraub war es, nach dem Motto „Dem Sieger gehört die Kunst“ dem Musée Napoléon in Paris hochkarätige Werke zuzuführen.


Die Plünderung Berliner und Potsdamer Schlösser wurde von einem Kenner organisiert, dem auf vielen französischen Medaillen genannten Chef der Monnaie des Médailles (Medaillenmünze) und Generaldirektor des Musée Napoléon in Paris, Dominique Vivant Denon (1747 bis 1825). Der mit großen Vollmachten ausgestattete Baron durchstöberte Schlösser und Sammlungen in Berlin, Potsdam, Schwerin, Kassel, Braunschweig und an anderen Orten nach kostbarer Beute für das Musée Napoléon, das Napoleon Bonaparte, damals noch Erster Consul, 1802 im Pariser Louvre eingerichtet hatte. Denon hatte, was die kulturelle Plünderung fremder Länder betrifft, beim ägyptischen Feldzug seines Herren Erfahrungen gesammelt. Allerdings mussten General Bonaparte nach dem Scheitern seines Feldzuges im Land der Pyramiden den siegreichen Engländern Teile der geraubten Altertümer aushändigen, darunter den berühmten Sprachenstein von Rosette, mit dessen Hilfe es gelang, die Hieroglyphen zu entschlüsseln. Die Hinterlassenschaften der Pharaonen sind seither exquisiter Schmuck des Britischen Museums. Mit seinen Leuten raubte Denon in Italien antike Skulpturen von Weltrang, die in Paris ausgestellt wurden. Da er auch Chef der Medaillenmünze war, ließ er Medaillen mit Ansichten des nach Paris entführten Apolls von Belvedere und der Laokoongruppe zur Verherrlichung Napoleon Bonapartes prägen, der es innerhalb von zehn Jahren vom unbenannten Hauptmann zum Kaiser der Franzosen gebracht hatte. Mit dem Ziel, die Lücken im Pariser Musée Napoléon zu füllen, konfiszierte Denon vor 220 Jahren in Berlin und Potsdam Gemälde des Barock, aber auch die damals noch wenig geschätzte altdeutsche Malerei. Hinzu kamen Historienbilder mit Szenen aus dem Leben Friedrichs des Großen, den der Kaiser verehrte. Der Bildhauer Johann Gottfried Schadow berichtete von einem kaiserlichen Dekret, alle Darstellungen des Königs nach Paris zu schaffen. Zur Kunstbeute gehörte auch die Quadriga vom Brandenburger Tor, gegen deren Demontage und Abtransport sich Schadow, ihr Schöpfer, vergeblich zur Wehr setzte. Friedrich Wilhelm III. ließ 1809 untersuchen, wie sich preußische Beamte bei der Aktion verhalten haben. Ein Verschulden ließ sich nicht nachweisen. Sie konnten sich darauf berufen, Schlimmeres verhindert zu haben.


Der Kaiser habe die Trophäen als besonders geeignet angesehen, den Franzosen und der Welt die Größe des Sieges über das friderizianische Preußen vor Augen zu führen, schreibt Götz Eckardt in seinem Bericht „Der napoleonische Kunstraub in den königlichen Schlössern von Berlin und Potsdam (Studien zur Berliner Kunstgeschichte, herausgegeben von Karl-Heinz Klingenburg VEB EA Seemann Verlag, Leipzig 1986). Außer dem Gemäldeschatz der Hohenzollern wurden königliches Silber, Dokumente, kostbare Tabaksdosen Friedrichs des Großen, antike Münzen und andere Gegenstände nach Paris verschleppt. Die Kunstbeute wurde in zwei Transporten per Schiff von Berlin über Hamburg nach Paris gebracht, um sie im Louvre zu zeigen.


Denon ließ zur Vervollständigung der Louvre-Sammlungen nicht nur Gemälde der Franzosen, Italiener und Holländer „mitgehen“, wie wir heute sagen würden, sondern auch Bilder der in ihrer Bedeutung noch nicht entdeckten altdeutschen Meister. Die französischen Rokokokünstler, die Friedrich der Große so liebte, interessierten den Kunsträuber nicht. Wohl aber nahm er Bilder mit, die seinem Herrn wegen ihres geschichtlichen Inhalts wichtig waren, vor allem Episoden aus dem Leben Friedrichs des Großen, an dessen Grab in der Potsdamer Garnisonkirche er gesagt haben soll, wenn dieser hier – Friedrich II. – lebte, stünde er nicht hier.
Nach dem Sieg der Verbündeten über Frankreich in den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 gab es intensive Versuche der preußischen Regierung, die gestohlenen Kunstwerke zu zurückzuholen, was aber nicht vollständig gelang. Beteiligt an den Verhandlungen waren Jean Henry, der Vorsteher der Kunstkammer, und Hofrat Ernst-Friedrich Bussler. Sie bemühten sich nach Kräften, die Franzosen mit König Ludwig XVIII. an der Spitze, einem Bruder des 1793 hingerichteten Ludwig XVI., davon zu überzeugen, dass die Kunstschätze nicht ihnen gehören. Für den aus dem Exil geholten Bourbonenkönig war es eine Frage des Prestiges, schreibt Götz Eckart, die „Reklamationen“ mit dem Hinweis zu verhindern, sie seien bereits in Paris ausgestellt worden und daher Eigentum des französischen Staates.
In zeitgenössischen Berichten heißt es, dass bei den preußisch den Staatsbeamten und in der Armee, die niemals mit einer Niederlage im Krieg gegen Frankreich gerechnet hatte, heillose Verwirrung herrschte und die Menschen beim Anblick der Besatzer heiße Tränen vergossen haben. Doch man fügte sich in sein Schicksal. Manche Leute fühlten sogar Erleichterung angesichts der aufgehenden „französischen Sonne“ und setzten große Erwartungen in die angekündigten Umwälzungen. Angeblich soll Napoleon gesagt haben, er wolle „diese preußischen Junker“ so klein machen, „dass sie ihr Brot auf den Straßen erbetteln müssen“, und das kam vielen entgegen, die unter der noch von Friedrich dem Großen geprägten Adelsherrschaft litten und sich ihretwegen nicht entfalten konnten. Es gab natürlich auch Wendehälse, Kollaborateure und Konjunkturritter, die sich in Erwartung handfester Vorteile den Franzosen andienten, mit ihnen aber von der Bildfläche verschwanden, als die Fremdherrschaft vorbei war. Jetzt schlug die Stunde der Reformer um den Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein, den Staatskanzler August von Hardenberg und Wilhelm von Humboldt. Sie brachten gegen den Widerstand mächtiger Adelsleute und Beamter eine Reihe von Neuerungen auf den Weg, die sich für das Land positiv erweisen sollten.

Als der 1806/7 tief gedemütigte Friedrich Wilhelm III., von klugen Beratern gedrängt, im März 1813 seine Untertanen mit dem Erlass „An Mein Volk“ zu Mut und Hilfe bei der Befreiung von den Franzosen aufrief, war das Echo gewaltig. Unter dem zum geflügelten Wort gewordenen Motto „Gold gab ich für Eisen“ opferten selbst die Ärmsten ihre letzten Groschen. Es kam vor, dass arme Mädchen ihre schönen Haare als einzige Habe auf den Altar des Vaterlandes legten, damit aus ihnen Perücken für „bessere Stände“ gefertigt werden konnten. Die Einnahmen der Aktion, an denen sich auch die königliche Familie beteiligte, flossen in die allgemeine Volksbewaffnung ein, die wichtig für den Ausgang der Befreiungskriege und die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität war. Nach den Kriegen fühlte sich der Friedrich Wilhelm III. an sein Versprechen nicht mehr gebunden, eine Verfassung zu erlassen und das Volk ein wenig an der Macht teilhaben zu lassen.


Während sich die Raubzüge in den königlichen Schlössern hinter den Kulissen abspielten, erregte der Abbau der Quadriga vom Brandenburger Tor die Berliner ungemein. Johann Gottfried Schadow konnte nicht verhindern, dass die Friedensgöttin und ihre Pferde in Stücke zerlegt und per Schiff nach Paris geschafft wurde. Vergebens hatte der Bildhauer darauf verwiesen, dass das dünne Kupferblech leiden würde. Angebote der Besatzer, für sie zu arbeiten, lehnte der Bildhauer und Akademiedirektor höflich, aber bestimmt ab. Wegen der großen Not in Preußen als Bildhauer zur Untätigkeit verurteilt, nahm in bissigen Karikaturen den Kaiser und seine Gefolgsleute aufs Korn, signierte seine Bilder vorsichtshalber mit „Gilrai“.


Im Oktober 1807, am ersten Jahrestag der Schlacht von Jena und Auerstedt, wurden erbeutete Kunstwerke im Louvre ausgestellt. Die spektakuläre Schau geriet zur Heldenverehrung. Napoleons Bronzebüste wurde mit goldenem Lorbeerkranz zwischen zwei Victorien aus Sanssouci aufgestellt. Der Plan, die Quadriga auf ein Triumphtor zu stellen, wurde nicht verwirklicht. In Berlin war bis zur triumphalen Rückführung der Friedensgöttin Eirene 1814 das nackte Brandenburger Tor eine ständige Aufforderung, die Machenschaften des „Pferdediebs“ nicht widerstandslos hinzunehmen. Eine auf dem Tor stehengelassene eiserne Haltestange für Schadows Bildwerk wirkte als Pfahl im Fleisch.


Die 1814, nach Napoleons Niederlagen in den Befreiungskriegen, in Frankreich wieder auf den Thron gelangten Bourbonen zögerten unter Hinweis auf den Friedensvertrag mit Preußen von 1807 die Rückgabe der Beutekunst hinaus. Denon stellte sich quer und gab erst aufgrund preußischer Drohung, ihn in die Festung Graudenz mitzunehmen, nach. Allerdings gelang es den Beauftragten des Königs von Preußen nicht, die ganze Kunstbeute zurückzuholen. Mit unbeschreiblichem Jubel wurde die Heimkehr der Quadriga begleitet. Die Präsentation der zurückgeführten Gemälde, Skulpturen und anderen Kunstwerke 1815 im Berliner Akademiegebäude Unter den Linden war für weitblickende Beamte ein willkommener Anlass zu fordern, dass die in königlichem Besitz befindlichen Kunstgegenstände nicht wieder in den Schlössern „vereinzelt“ werden sollen. Es sei an der Zeit, sie in einem noch zu schaffenden großen Museum öffentlich zu zeigen. Nach langem Zögern bequemte sich 15 Jahre später der wenig entschlussfreudige Friedrich Wilhelm III., die schönsten Bilder und Skulpturen in Schinkels eben erst fertiggestelltes Altes Museum am Lustgarten zu überführen und Ankäufe weiterer Kunstwerke zu finanzieren. Aus Platznot war schon bald der Bau von Stülers Neuem Museum fällig. Danach wurden auf der Museumsinsel weitere Musentempel errichtet.


Die von preußischen Beamten sorgfältig geführten Verlustlisten sollten Jahre später noch nützliche Dienste tun. Die nach der Entmachtung Napoleons wieder auf den Thron gelangten Bourbonen verzögerten die Herausgabe der Kunstbeute, obwohl es Absprachen zwischen Friedrich Wilhelm III. und dem französischen König Ludwig XVIII. gab. Denon behauptete unter Hinweis auf den Friedensvertrag von Tilsit 1807, das Raubgut sei französisches Eigentum und Teil der Louvre-sammlungen. Was zurückkehre, sei ein „Geschenk“ an Friedrich Wilhelm III. Um Ärger aus dem Weg zu gehen, gab sich Ludwig XVIII. generös und behauptete, ein Teil der Kunstwerke sei ein „freiwilliges Geschenk“ an den preußischen König. Dieser und seine Emissäre in Paris hofften, dass es nicht bei den ersten Rücktransporten bleibt, sondern nach Konsolidierung der Verhältnisse weitere folgen. Der zur Freigabe aufgeforderte Denon musste unter dem Druck der zeitweilig an der Seine stationierten preußischer Soldaten klein beigeben und händigte viele Gemälde aus, jedoch nicht alle. Als sich die politischen Verhältnisse in Frankreich nach dem kurzzeitigen auftauchen von der Insel Elba geflohenen Kaisers Napoleons I. verändert hatten und Ludwig XVIII. geschwächt war, musste man auf die Befindlichkeiten dieses berüchtigten Vertreters des Ancien régimes keine Rücksicht mehr nehmen.

Die Rückführung großer Teile der Kunstbeute war nicht nur ein Akt der Wiedergutmachung von offensichtlichem Unrecht, sondern hatte auch den Effekt, dass man sich in Berlin ernsthaft Gedanken machte, ob es nicht besser ist, die Kunstschätze aus den königlichen Schlössern in einem öffentlichen Museum zu zeigen. Zunächst wurden die heimgekehrten Kunstschätze im Akademiegebäude Unter den Linden gezeigt. Das Eintrittsgeld kam verwundet aus dem heimgekehrten Soldaten zugute. Johann Gottfried Schadow, der Direktor der Akademie der Künste, sprach die Hoffnung aus, durch die Ausstellung jene zu wohltätigen Zwecke bestimmten Einnahmen zu vermehren und zugleich dem Publikum einen noch höheren Genuss zu verschaffen zu können. Alois Hirt, der seit 1797 für die Einrichtung eines öffentlichen Museums in Berlin gestritten hatte, erklärte, nie wieder dürften die Kunstwerke „vereinzelt werden“. Hirt und der, wie man heute sagen würde, Kulturbeauftragte der Regierung Wilhelm von Humboldt legten dem König nahe, die Sammlungen zum Staatseigentum zu erklären und sie in einem eigenen Museum zu zeigen. Zuvor war eine repräsentative Auswahl im Akademiegebäude Unter den Linden mit großem Erfolg zu sehen gewesen. Karl Friedrich Schinkel erbaute Königliche Museum am Lustgarten eröffnet. Der wortkarge Monarch soll beim Gang durch das Haus mit der auffälligen Säulenfront „sehr beeindruckt“ gewesen sein, wie Zeitgenossen berichten. Während es anderswo bereits öffentliche Museen gab, so in Paris, London und München etwa, besaß Berlin einen prächtigen Neubau für antike Skulpturen sowie Gemälde und auch Münzen. Für das Haus hat sich im Laufe der Zeit der Name „Altes Museum“ eingebürgert, um es von den vier anderen Gebäuden auf der Museumsinsel zu unterscheiden.
Seit 1824 war das Museum auf einer Brache vis-à-vis vom Berliner Stadtschloss gebaut worden. Als es eröffnet wurde, strömte das Publikum in großen Scharen herbei, denn der Eintritt war frei und das Schaubedürfnis groß. Erfreuen, bilden und belehren war das Anliegen der Museumsgründung, und dazu hatten kluge Leute wie die Weichen gestellt. Um den repräsentativen Säulenbau angemessen zu bestücken, waren die königlichen Schlösser in Berlin, Potsdam und anderswo nach Gemälden, Skulpturen und anderen Preziosen durchgekämmt worden. Da es Lücken gab, veranlasste der König umfangreiche Kunstkäufe vor allem in Italien, und auch die ersten Grabungen in Ländern des klassischen Altertums kamen in Gang.
Die Gründung eines königlichen Museums war seit 1810, als die Berliner Universität im ehemaligen Palais des Prinzen Heinrich Unter den Linden ihre Arbeit aufnahm, im Gespräch. Allerdings zögerte sich die Museumsgründung wegen der politischen Verhältnisse und der Befreiungskriege das napoleonische Frankreich bis 1830 hin. Zum Abschluss seines instruktiven Berichts mit vielen schreibt Götz Eckardt: „Die Überzeugung, dass die fürstlichen Sammlungen dem ganzen Volke gehören, hatte sich somit auch in Preußen durchgesetzt. Und noch in anderer Hinsicht übte das Louvre-Museum eine vorbildliche Wirkung aus: die Schätze wurden nicht nur der Allgemeinheit zugänglich gemacht, sondern zugleich wissenschaftlich bearbeitet. Seit seiner Gründung war das Berliner Museum eine wichtige Stätte kunsthistorischer Forschung in Deutschland.“


Man darf hinzufügen, sie sind heute mehr denn ein Ort der Freude, Belehrung und der wissenschaftlichen Analyse. Für die Zeit bis zum zweihundertjährigen Bestehen 2030 haben sich die Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz viel vorgenommen. Jedes ihrer Häuser bildet den Schwerpunkt eines jeden Jahres bis dorthin und lädt zu Sonderausstellungen, Tagungen und Workshops ein. Da Johann Gottfried Schadow an der Geburt Berlins als Kultur- und Museumsstandort beteiligt war, wird sich die Schadow Gesellschaft Berlin auch diesem Thema widmen. Indem sie mit der Alten Nationalgalerie dafür sorgt, dass der berühmte Münzfries aus seinem Exil in den Katakomben des Kreuzbergdenkmals zur Zitadelle nach Spandau gebracht und vor den Augen des staunenden Publikums durch Restauratorenkunst zu neuem Leben erweckt wird, leistet der Verein seinen besonderen Beitrag zu diesem schönen Jubiläum.
Text, Fotos und Reproduktionen: Helmut Caspar