Wie 1813 Johann Gottfried Schadow Napoleon I. und seine Entourage karikiert hat.
Englische Karikaturisten und Satiriker hatten im frühen 19. Jahrhundert ein Thema: Napoleon I., Kaiser der Franzosen und König von Italien, Europas, starker Mann und größter Feind der Briten. Diese wünschten dem aus Korsika stammenden Emporkömmling, der sich binnen weniger Jahre halb Europa untertan gemacht hatte und auf dem Sprung war, die andere Hälfte einschließlich Englands zu erobern, in die Hölle. Wenn es nach den Briten gegangen wäre, hätten sie den Kaiser gevierteilt und seinen Kopf auf einer Mistgabel durch London getragen. Grell kolorierte Karikaturen schildern, wie man sich die Abrechnung mit dem als Thronräuber, Ungeheuer und Blutsäufer verunglimpften Imperator vorstellte.


Zumindest außerhalb des Machtbereichs von Napoleon Bonaparte, der sich am 2. Dezember 1804 zum Kaiser in Paris zum Kaiser krönte und Napoleon I. nannte, waren Bilder gegen „Little Boney“ der große Renner. Die Drucke fanden reißenden Absatz, gingen von Hand zur Hand und wurden kopiert und nachgeahmt. Um sein Prestige besorgt und bemüht, in der Riege der alteingesessenen Dynastien einen geachteten Platz einzunehmen, ärgerte er sich maßlos über die Frechheiten, die sich Zeichner wie John Crawse, William Elmers, James Gillray, Percy Roberts, Thomas Rowlandson, Chris Williams und Georg Moutard Woodsward und andere erlaubten. Sie machten den Herrscher immer wieder mit riesigem Hut und Schwert madig und zeigten, wie er Befehle erteilt und von seinen Leuten angehimmelt wird. Am liebsten hätte der Kaiser der Franzosen die Spötter am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft. Doch reichte seine Macht nicht aus, sie mundtot zu machen oder ganz auszulöschen.
Seinen Polizeiminister Josef Fouché wies er an: „Mein Wunsch ist, dass Sie den Redakteuren klar machen, dass ihre Zeitungen nicht lange überleben werden, wenn sie weiter nichts anderes als Übersetzungen von englischen Zeitungen und Bulletins bleiben; dass die Revolution vorbei ist und dass es nur noch eine Partei in Frankreich gibt, und dass ich niemals zu lassen werde, dass die Zeitungen etwas gegen meine Interessen sagen oder tun.“
Dass mit Spottbildern massiv gegen den französischen Erzfeind vorgegangen wurde, lag ganz auf der Linie der englischen Regierung, die von den eigenen Leuten als freiheitlich und volkstümlich gelobt werden wollte. Das relativ liberale England kannte im Unterschied zu Frankreich, Preußen, Russland, Österreich, Spanien und anderen Monarchien keine Zensur und ging daher auch mit den eigenen Eliten nicht zimperlich um.


Was dort entstand, konnte man 2006 in einer sensationell zu nennenden Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor Berlin im Max-Liebermann-Haus neben dem Brandenburger Tor besichtigen. Zu sehen waren Blätter aus dem Besitz des Berliner Sammlerehepaares Sabine und Ernst Scheffler, die 2003 von der Stiftung Niedersachsen erworben und dem Wilhelm-Busch-Museum Hannover übergeben worden waren. Die Ausstellung „Napoleon – Genie und Despot“ mit einem hervorragenden, von Gisela Vetter-Liebenow verfassten Katalog wurde auch in Hannover und Oberhausen gezeigt. Anlass der Präsentation war der 200. Jahrestag des triumphalen Einzugs des Kaisers und seiner Truppen nach der Schlacht von Jena und Auerstedt im Oktober 1806 durch das Brandenburger Tor. Es begann eine Zeit der Unterdrückung und Auszehrung, die erst mit den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 beendet wurde. In dieser Zeit formierte sich Widerstand gegen die Besatzer, und dieser fand auch in deutschen Karikaturen seinen Niederschlag.
Viele Blätter tragen keinen Herstellernamen, denn für Zeichner und Drucker war es riskant, sich zu erkennen zu geben, mussten sie doch empfindliche Strafen der Franzosen und der von Napoleon abhängigen Fürsten fürchten. Nach dem Sieg der Verbündeten über Napoleon und seine Verbündeten in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 schwoll die Flut der Spottblätter an, und auch Johann Gottfried Schadow, Berliner Bildhauer, Zeichner und Akademiepräsident gab seiner Wut über das, was die Besatzer seit 1806 in Berlin, Preußen und darüber hinaus angerichtet haben, auf vier Karikaturen Ausdruck, die zum Besten gehören, was damals an politischer Satire geschaffen wurden. Im Unterschied zu den deftigen Karikaturen aus England, die die Dinge sofort auf den Punkt bringen, befleißigen sich die Schadow’schen Blätter einer feinsinnigen Bildersprache, die sich erst erschließt, wenn man sich genau mit den Details befasst. Auf Karikaturen anderer Künstler wird viel deftiger gezeigt, wie sich der Kaiser am selbst entfachten Feuer die Finger verbrennt, sich an der „Leipziger Nuss“ die Zähne ausbeißt oder nach der Niederlage von 1812 in Russland von einem Kosaken attackiert wird. Little Boney, dem die Mächtigen dieser Erde in besseren Tagen die Stiefel küssten, wird irgendwann vom Teufel geholt, und aus seinen ängstlich aufgerissenen Augen kullern dicke Tränen, nicht die der Reue, sondern die der Angst vor dem Gericht der Völker. Er signierte sie als Reverenz an den englischen Karikaturisten mit „Gilrai“ und gab Paris als Ausgabeort an. In seinem Erinnerungsbuch von 1849 „Kunstwerke und Kunstansichten“, das von Götz Eckardt 1987 als kommentierte Neuausgabe im Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft Berlin neu herausgegeben wurde, waren die Blätter für Schadow nur ein paar Zeilen wert. „Ich zeichnete vier Blatt Karikaturen, die, wie natürlich, den bis dahin mächtigsten Mann unter den Lebenden sowie seine Marschälle und Grand-Fonctionnaires de l’Empire gar verkleinert darstellen.“


Johann Gottfried Schadow bat den Satiriker Theodor Heinrich Friedrich um Erläuterungen seiner Blätter. Napoleon erscheine in seiner konzentrierten Gedrungenheit und Unumstößlichkeit auf sich allein gestützt, eine selbstständige Größe, ein verkörperter kategorischer Imperativ, fest und unerschütterlich, wie das Fatum wurzelt sein Fuß in die Erde, die wie ein bunter Teppich unter ihm ausgebreitet ist, schrieb Friedrich. Der damals viel und gelesene Schriftsteller. August von Kotzebue schrieb in seinen „Politischen Flugblättern“, in Berlin seien vier allerliebste Karikaturen erschienen, die ersten deutschen Kunstwerke dieser Art, die Hogarts Geist atmen. „Sie sind aber auch von Meisterhand, obgleich der Meister Gründe hat, sich nicht zu nennen. Nicht bloß die Erfindung ist witzig, sondern die Köpfe sind alle so ausdrucksvoll, dass man über viele derselben lachen muss, wenn man sie auch schon 20mal gesehen hat. Möchte doch der verdienstvolle Veteran uns noch recht viele solcher Spiele seines Witzes liefern.“


Gegen Schadows feinsinnige, zum Nachdenken anregende Zeichnungen gab es auch Einwände, und so liest man in dem Katalog zur schon erwähnten Ausstellung von 2006, dass ein Berliner Grafikhändler befand, Bonaparte als Nussknacker, als einer, der da einen Bock geschossen, oder Bonaparte, der eingeseift und balbiert wurde, seinen Stücke, die „Abgang“ (also Absatz, H. C.) fänden. Der gleichen Durcheinander wie auf Schadows Zeichnungen hingegen wäre für die meisten Leute unleserlich, „und mit dem Buchstabieren könnten sich erwachsene Patrioten nicht abgeben.“ Schadow ließ sich nicht beirren, sondern schuf in seinem unverkennbaren Stil weitere Karikaturen, von denen einige so erfolgreich waren, dass von ihnen kolorierte Kopien hergestellt wurden.
Text und Fotos: Helmut Caspar
Repros aus dem Katalog von 2006 zur Ausstellung „Napoleon – Genie und Despot“ und der Edition der Lebenserinnerungen von Johann Gottfried Schadow, die 1987 von Götz Eckardt publiziert wurden.