Das Berliner Hugenottenmuseum ehrt den vor 300 Jahren geborenen Grafiker mit einer Sonderausstellung.

„Die Natur ist meine einzige Lehrerin, meine Wohltäterin“

Das Hugenottenmuseum im Turm der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt würdigt in der bis zum 25. Oktober 2026 laufenden Sonderausstellung „Chodowiecki 300. Zwischen Kunst und Konfession“ den vor 300 Jahren geborenen, aus einer Familie mit polnischen und hugenottischen Wurzeln stammenden Grafiker Daniel Chodowiecki als „Art Director“ der Berliner Hugenottengemeinde. Aufgrund des Edikts von Potsdam, das der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm 1685 erlassen hatte, fanden etwa 20.000 wegen ihres Glaubens aus Frankreich vertriebene Hugenotten in Berlin und Brandenburg Aufnahme. Ihre Geschichte wird in der ständigen Ausstellung und der Chodowiecki gewidmeten Dokumentation anhand von Urkunden und Büchern, Gemälden, Stichen und Handschriften sowie Medaillen und Alltagsgegenständen aber auch Porzellanen und Silberarbeiten erzählt.

Daniel Chodowiecki, ein mit der kleinen Form arbeitender Zeitgenosse des Bildhauers und Grafikers Johann Gottfried Schadow, verwandte großen Einfallsreichtum und Mühe, um mit seinen Grafiken die Geschichte der Glaubensflüchtlinge, aber auch die der Hohenzollernmonarchie zu dokumentieren. Nach seinem eigenen Credo „Die Natur ist meine einzige Lehrerin, meine Wohltäterin“ schildern seine Zeichnungen und Stiche das Alltagsleben der Menschen seiner Zeit und wie sie hinaus ins Freie streben. Hinzu kommen Illustrationen für Bücher zeitgenössischer Autoren und solche religiösen Inhaltes sowie Entwürfe für Medaillen von 1772 und 1785, mit denen sich die Berliner Hugenottengemeinde anlässlich von Jubiläen ehrte.

Schadow Gesellschaft Berlin: Hugenottenmuseum Berlin
Daniel Chodowiecki (1726–1801) war weit mehr als ein berühmter Zeichner der Aufklärung. Er kümmerte sich um seine Gemeindemitglieder und sorgte auch für den künstlerischen Schmuck des Turms der Französischen Kirche auf dem Gendarmenmarkt, in dem das Hugenottenmuseum mit seinen kostbaren Sammlungen untergebracht ist.

Während der Künstler europaweit für seine meist kleinformatigen und dabei sehr präzisen Alltagsbeobachtungen und Geschichtsbilder geschätzt wurde, blieb ein wesentlicher Teil seines im christlichen Glauben verwurzelten Familienlebens und sein Engagement in der Französischen Gemeinde und Kirche zu Berlin weitgehend unbekannt. Die Ausstellung im Hugenottenmuseum holt deshalb auch den „unbekannten“ Chodowiecki ans Tageslicht.

1726 in Danzig geboren, wuchs der Künstler in einer Familie mit polnischen und hugenottischen Wurzeln auf. Er kam 1743 nach Berlin und begann eine Lehre als Emaillemaler und nahm Zeichenunterricht. Seit 1755 mit Jeanne Barez, der Tochter eines Seidenstickers, verheiratet, wurde er Vorstand einer angesehenen hugenottischen Familie und engagierte sich für die Verwaltung seiner Gemeinde und die Armenfürsorge, wird in der Ausstellung berichtet. In der Akademie für Ausstellungen zuständig, hat er die Reform der am Ende des 17. Jahrhunderts gegründeten Vereinigung vorangetrieben.

Wie die Ausstellung weiter erläutert, verstand Chodowiecki seine Arbeit für die Gemeinde als Dienst an Gott. Zugleich setzte er sich in seinem Werk mit zeitgenössischen Ideen von Religion und Aufklärung auseinander. In der Ausstellung erfahren wir weiter, dass der Skulpturenschmuck am Kuppelturm der Französischen Kirche, auch Dom genannt, auf seine Entwürfe zurückgeht. Die Gemeinde hatte ihm 1780 den ehrenvollen Auftrag dazu erteilt. Der Maler und Bildhauer Bernhard Rode führte die Gestalten des Alten und Neuen Testaments und von christlichen Tugenden aus.

Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Der Künstler führte ein frommes Familienleben und widmete sich der Französischen Kolonie, wie man damals sagte. Die Kupferstiche zeigen ihn und seine Angehörigen bei der Wallfahrt nach Französisch-Buchholz vor den Toren Berlins sowie in seinem Atelier im Kreis mit Frau und Kindern.
Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Die ihrer Lebensgrundlagen beraubten Hugenotten flohen in die Schweiz, nach England, Skandinavien und in einzelne deutsche Staaten. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg nahm die Glaubensflüchtlinge (Refugiés), wie Daniel Chodowiecki schildert, mit offenen Armen auf und sicherte ihnen Freundschaft und Entwicklungsmöglichkeiten zu. An seinem Hof waren die Kunsthandwerker und Militärs gern gesehen. Hier lassen sich der Kurfürst und seine Gemahlin Sophie Dorothea von einem Hugenotten Juwelen zeigen.

Für Chodowiecki war der Auftrag eine herausfordernde Aufgabe, mit der er, bisher meist als Illustrator in kleinen Formaten arbeitend, Neuland betrat. Dazu muss man wissen, dass die Reformierten Bilder an und in Kirchen weitgehend ablehnten. Calvins Lehre erlaubte jedoch die Darstellung historischer Personen und biblischer Geschichten, sofern sie der Belehrung und Erbauung der Gläubigen dienten. Chodowiecki entwickelte das komplette Bildprogramm für den Kuppelturm in nur zwei Jahren. Wie viel Arbeit darin steckt, zeigen in der Ausstellung mit rotem Stift gezeichnete Entwürfe. Die im oder nach dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Zeichnungen kehrten 2014 in die Berliner Akademie der Künste zurück und erlauben eine Rekonstruktion der Entwurfs- und Baugeschichte des Französischen Doms am Gendarmenmarkt.

Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Motive aus dem Werk von Daniel Chodowiecki sind auf dem im Hugenottenmuseum ausgestellten Fächer aus der Zeit um 1785 zu sehen, in der Mitte der Kuppelturm der Französischen Kirche am Gendarmenmarkt.

Daniel Chodowiecki gestaltete zahlreiche Arbeiten für die Gemeinde, die zu wichtigen Bestandteilen seines Gesamtwerkes wurden. 1759 schuf er als Titelbild einen Kupferstich für das Psalmenbuch der Französischen Kirche. Da die Französische Kolonie groß war, fand seine Grafik schon zu Beginn seiner Laufbahn weite Verbreitung. Der Künstler unterstützte auch ganz praktische Aufgaben der Gemeinde. Als sie 1770 ein Theologisches Seminar gründete, gestaltete er das Exlibris für ihre Bücher. Bis heute sind zahlreiche Drucke mit diesem Bucheignerzeichen geschmückt.

In seiner Autobiographie (um 1782) gewährt uns der Künstler direkte Einblicke in sein Schaffen. Die Protokollbücher des Gemeindevorstands gestatten einen Blick hinter die Kulissen der Baugeschichte. Die oft zähen Verhandlungen zwischen Künstler, Kirche und preußischem Staat wirken verblüffend modern und erinnern an heutige Debatten über Kunst im öffentlichen Raum. Nicht alle Werke des Berliner Grafikers verfolgten ein religiöses Anliegen, sondern dienten auch der Traditionspflege der Refugiés. Sie spiegeln sowohl ihren Dank für die Hilfe durch die Hohenzollern als auch ihre Sorgen um den Verlust der eigenen Identität und ihre Mühen um den Erhalt ihrer Privilegien.

Der Künstler fertigte zwischen 1782 und 1799 Kupferstiche für das mehrteilige Geschichtswerk der Prediger Jean-Pierre Erman und Pierre-Chrétien Reclam, die das Selbstverständnis der „preußischen Hugenotten“ hundert Jahre nach ihrer Ankunft in Brandenburg und Berlin und ihr loyales Verhalten gegenüber der Regierung würdigen.

Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Chodowieckis Arbeit für das monumentale Bildprogramm am Französischen Dom umfasst Allegorien christlicher Tugenden, Propheten und biblische Reliefs.

Das Hugenottenmuseum widmet sich an anderer Stelle den blutigen Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts in Frankreich. Schauriger Höhepunkt war die Bartholomäusnacht vom 24. zum 25. August 1572. Dabei wurden während der „Bluthochzeit“ von König Heinrich von Navarra, des späteren französischen Königs Heinrich IV., und Margarete von Valois in Paris mehrere tausend Hugenotten ermordet, an ihrer Spitze ihr Anführer Admiral Gaspard de Coligny. Die Religionskriege fanden erst unter Heinrich IV. ein Ende. Aus der Gascogne stammend, war der König von Navarra Mitglied der Familie Bourbon und eine führende Persönlichkeit in der protestantischen Bewegung. Um aber dauerhaft die französische Königskrone tragen zu können, war sein Übertritt zum Katholizismus unumgänglich. Bei diesem Schritt soll Heinrich gesagt haben, Paris sei eine Messe wert, mit anderen Worten sei ihm der Besitz der Hauptstadt und damit von Frankreich wichtiger als seine bisherigen Glaubensprinzipien. In Heinrichs 1595 in Nantes erlassenem Toleranzedikt hatte die Toleranz nicht lange Bestand. Nach der Ermordung des Königs 1610 haben seine Nachfolger im Zuge der Gegenreformation den Druck auf ihre protestantischen Untertanen verstärkt und sie zum Übertritt zur katholischen Kirche gedrängt.

Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Blick in die Ausstellung des Hugenottenmuseums, das die Tätigkeiten sowie das soziale und kulturelle Engagement der im späten 17. Jahrhundert nach Berlin und Brandenburg eingewanderten Refugiés anschaulich dokumentiert.

Sonnenkönig Ludwig XIV. setzte gegen sie militärische Gewalt ein und hob 1685 das Edikt von Nantes auf. Wer jetzt noch zu seinem Glauben hielt, war vogelfrei und schärfsten Repressalien ausgesetzt. Das im Gegenzug am 29. Oktober 1685 vom brandenburgischen Kurfürst Friedrich Wilhelm ausgestellte Edikt von Potsdam sicherte den Neuankömmlingen weitreichende Privilegien zu, darunter die Befreiungen von Steuern und Zöllen. Sie erhielten großzügige Unterstützungen für die Gründung von Manufakturen, außerdem wurden hugenottische Prediger aus der Staatskasse besoldet. Mindestens 20.000 Hugenotten wagten einen Neuanfang im brandenburgischen Kurstaat, 6.000 wurden in Berlin ansässig.

Das Zusammenleben der Alteingesessenen und der Neuankömmlinge war wegen deren Bevorzugung durch die Hohenzollern nicht einfach. Jetzt hieß es „Wer nicht Französisch sprechen kann, der kommt bei Hof nicht gut an“. Die Erteilung von Vergünstigungen geschah nicht nur aus christlicher Nächstenliebe, sondern hatte auch handfeste ökonomische Gründe, weil die Hugenotten der Wirtschaft auf die Sprünge helfen und auch das kulturelle Niveau im Lande verbessern halfen. Zahlreiche Refugiés erhielten einflussreiche Posten am Hof, in der Verwaltung und beim Militär. Von den Zugewanderten wurden feine Sitten und Gebräuche übernommen, und auch die karge märkische Küche profitierte von ihnen. Viele französische Wörter fanden Eingang in die deutsche Sprache und sind dort bis heute präsent. Wie die Ausstellung im Hugenottenmuseum weiter berichtet und mit Dokumenten belegt, kümmerte sich die Gemeinde um die Alten, Schwachen und Armen.

Schadow Gesellschaft Berlin: Chodowiecki, Hugenottenmuseum Berlin
Die Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht im August 1572, bei der tausende Protestanten auf offener Straße ermordet wurden, ist im Gedächtnis der Franzosen tief verankert. 1685 ließ der Sonnenkönig Ludwig XIV. die evangelische Kirche von Charenton zerstören und machte den Protestanten (Hugenotten) das Leben so schwer, dass sich tausende von ihnen zur Flucht entschlossen.

Da nicht alle Hugenotten in Berlin angesiedelt werden konnten, wies man ihnen Arbeit und Wohnung in anderen Städten wie Brandenburg, Frankfurt (Oder), Prenzlau, Potsdam und Schwedt sowie auf dem platten Land zu. Auch hier trugen sie wesentlich zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung bei, etwa durch Urbarmachung unwirtlicher Landstriche oder bei Herstellung neuer Industrie- und landwirtschaftlicher Produkte wie Tabakanbau oder Seidenraupenzucht.

Die Fremden wurden von den Einheimischen nicht immer mit offenen Armen empfangen. Man hatte auf beiden Seiten Anpassungsprobleme und sah einander als Konkurrenten an. Das führte zu Spannungen im Zusammenleben und zu Beschwerden bei Hofe, der mit Edikten und Befehlen reagierte. Allerdings reichte der Arm des Landesherrn als Protektor der Refugiés nicht in jedes Dorf oder Rittergut, so dass es fern der Hauptstadt durchaus zu Akzeptanzproblemen kam.

 


Text, Fotos und Repros: Helmut Caspar