Arbeitsstil war Gift für die Gesundheit – über Schinkel, der nur 60 Jahre alt wurde.
Über Karl Friedrich Schinkel gibt es unzählige Bücher und Studien. Am 4. November 2025 gab es in den Räumen der Bundesstiftung Bauakademie am Schinkelplatz in Berlin die Vorstellung eines neuen, aus der Reihe fallenden Buches über den berühmten Architekten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Dr. Jan Mende, der Kurator des Knoblauchhauses der Stiftung Stadtmuseum und Mitglied des Kuratoriums der Schadow Gesellschaft Berlin las aus seinem druckfrischen Buch „Karl Friedrich Schinkel – Großer Künstler, einsame Seele‘?“ (Lukas-Verlag Berlin, 165 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 25 Euro, ISBN978-3-86731-479-3), das interessante und wenig bekannte Einblicke in die Arbeits-, Lebens-, Wohn- und Gedankenwelt dieses Ausnahmekünstlers gibt.

Kunsthistorikerin Sibylle Badstübner-Gröger dankte auch im Namen des Autors allen Förderern und Spendern, die bei der Gestaltung und Drucklegung des Buches mitgewirkt haben. Dr. Elena Wiezorek erläuterte die Aufgaben und Ziele der von ihr geleiteten Bundesstiftung und gab der Hoffnung Ausdruck, dass an dieser Stelle die Bauakademie errichtet werden soll. Das „übrigens sehr einfach angeordnete Gebäude“, wie Schinkel schrieb, in den Abmessungen von knapp 50 mal 50 Metern besaß im Erdgeschoss eine Ladenzone sowie Schinkels Dienst- und Wohnräume mit großen Fenstern und hohen Decken. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt und danach zum Teil wieder aufgebaut, wurde der „Rote Kasten“, wie die Berliner das Haus despektierlich nannten, 1961 dem DDR-Außenministerium geopfert. Da daran gedacht war, die Bauakademie an einem anderen Ort originalgetreu wieder neu zu errichten, hat man Steine und den Fassadenschmuck geborgen.

Unbekannte Quellen erschlossen
Jan Mende brachte den Gästen der Buchpräsentation Karl Friedrich Schinkel auf etwas andere Weise nahe. Er charakterisierte ihn als einen Mann, der nicht nur Preußens oberster Baumeister und ein begnadeter Maler, Möbeldesigner, Feier- und Theaterdekorateur und, nicht zu vergessen, Vater der Denkmalpflege in Preußen war. Er schilderte anhand unbekannter Quellen, wie die Familie Schinkel ab 1836 in einer riesigen Wohnung im zweiten Obergeschoss seiner Bauakademie gelebt hat. Er tut das anhand wenig bekannten Quellen und zeigt, von Zimmer zu Zimmer gehend, wie es beim Chef der preußischen Bauverwaltung ausgesehen hat, womit die von Besuchern als wenig wohnlich und gemütlich bezeichneten Räume ausgestattet waren und was aus den Bildern, Skulpturen und Möbeln wurde. Schinkel und seiner Familie stand eine Wohnung von mehr als 1000 Quadratmetern zur Verfügung. Für die in der gleichen Etage untergebrachte Oberbaudeputation gab es nur 700 Quadratmeter.

Alles war in der Bauakademie weitläufig, hier wurde an nichts gespart. Man lief lange Wege, um von hier nach dort zu gelangen. Es war sehr viel rein zu halten und zu beaufsichtigen. Dass die Familie Schinkel hier Gäste zu Feiern, Kammerkonzerten und Gesprächen empfangen hat, ist nicht überliefert und bei der Weitläufigkeit der Räume und Flure auch kaum vorstellbar. Mende zufolge war der rastlose Mann kein Mann für Empfänge und Ehrungen. Dass er 1821 bei der Eröffnung seines Schauspielhauses fernblieb und die begeisterten Zuschauer ihn vor seiner Wohnung Unter den Linden feiern mussten und 1840 aus Gesundheitsgründen bei der Huldigung seines königlichen Gönners Friedrich Wilhelm IV. fehlte, trug ihm manchen Tadel ein.
Karriere begann als Maler
Dass sich der aus Neuruppin stammende Schinkel zu ungekannten künstlerischen Höhen aufschwingen und seine vielen Talente voll zur Geltung bringen konnte, hängt mit der Huld und Förderung zusammen, die ihm das preußische Königshaus gewährte. Mit Königen und Prinzen umzugehen, war für den Architekten wegen der Höhenunterschiede nicht einfach. Indem Schinkel, der seine Karriere als Maler begonnen hatte, den hohen Herrschaften seine Bilder und Ideen zu Füßen legte, erregte er ihre Aufmerksamkeit und erhielt interessante Aufträge erst zur Ausgestaltung königlicher Wohn- und Repräsentationsräume, dann aber auch für Staatsbauten. Aus dem Freiberufler wurde ein fest angestellter, freilich seines Wertes bewusster Staatsbeamter, der über ein Heer von Mitarbeitern verfügte.
Schinkels im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Friedrichswerdersche Kirche (Foto: Lothar Brauner um 1955) wurde in DDR-Zeiten wieder aufgebaut und restauriert. Über dem Eingang des Ziegelbaus sticht der Heilige Georg einen grässlichen Drachen nieder.Manche Idee wurde nicht verwirklicht, etwa der Dom der Befreiung in Berlin, ein gotisierend gestaltetes Mausoleum für die 1810 verstorbene Königin Luise. Andere wie die Neue Wache Unter den Linden, die Schlösser in Glienicke und Charlottenhof, die Bauakademie und das Schauspielhaus sowie die Friedrichswerdersche Kirche und weitere Gotteshäuser in Berlin und Umgebung, die Nikolaikirche in Potsdam und viele andere Bauten wurden realisiert und tragen bis heute zum Ruhm des Künstlers und seiner Auftraggeber bei. Dass einige Bauten zwar großartig erdacht, aber von miserabler Akustik waren, hat man später durch Einbauten zu korrigieren versucht.
Magier der schönen Form
Zeitgenossen fanden viele anerkennenden Worte für den, wie man sagte „Magier der schönen Form“, der sich der „Ästhetischen Menschenerziehung“ verschrieben hat und trotz seiner zarten Gesundheit, wie Ehefrau Susanne bemerkte, bis zum Umfallen gearbeitet hat. Er hat sich nicht geschont, auch Genesungskuren haben wenig genutzt. Und so starb der bedeutendste deutsche Architekt der frühen 19. Jahrhunderts am 9. Oktober 1841 mit nur 60 Jahren an den Folgen mehrerer Schlaganfälle. Ein Komet war verglüht, wie Mende schreibt, und er hinterließ ein reiches, bis in unsere Gegenwart wirkendes und hoch geachtetes Erbe.
Nicht alle waren von Schinkel begeistert, manche Kritiker außerhalb Berlins warfen ihm vor, wie Mende berichtete, hohle Pracht, endlose Treppen und zwecklose Säulenhallen zu produzieren und das „Praktische und Nützliche“ außer Acht zu lassen. Beratungsresistent, wie er war, hat Schinkel die Nörgeleien murrend zur Kenntnis genommen und nur unter vier Augen eingeräumt, nicht alles richtig gemacht zu haben. Unverdrossen plante er großartig, wie Mende bei der Buchvorstellung am Beispiel des nach dem Berliner Ofenfabrikanten Tobias Feilner benannten Feilnerhauses mit prächtigen Wohn- und Gesellschaftsräumen und hohlem Nebengelass zeigte.
Plädoyer für barocke Bauten
Schinkel hatte große Not, barocke Bauten in Berlin vor der Vernichtung zu bewahren. So erregte er sich 1815 über die eigenmächtige Handlungsweise eines Offiziers, der ein Bauwerk von Andreas Schlüter, den königlichen Pontonhof Unter den Linden, seines plastischen Schmucks beraubt hatte, ohne dafür eine Genehmigung zu besitzen. In einem Beschwerdebrief schrieb Schinkel, auf den „nicht hoch zu schätzenden Schlüter“ könne das nördliche Deutschland stolzer sein als Italien auf Michelangelo. Mit Blick auf diesen Akt der Barbarei solle beim König eine „allgemeine Verfügung zum Schutz öffentlicher Denkmäler“ erwirkt werden, „wodurch jedes Gebäude, auch wenn es seinem sonstigen Zwecke nach anderen Behörden zugeteilt wäre, in der Qualität, die es als Denkmal ganz allgemein besitzt, unter die Obhut einer besonderen Behörde gestellt werden müsste, zu der sich vielleicht unser Kollegium am besten eignen würde“.
Schinkel verwies in einem Memorandum „demütig“ auf das Talent des großen Barockbildhauers, der mit tiefem Sinn die Statuen als edle Krönung des Palastes, als einen schönen Schmuck und als Verhältnispunkte für die Höhe und Ausdehnung des großen Gebäudes angebracht habe. Es wäre höchst wünschenswert, den nicht vollendeten plastischen Schmuck fortzusetzen. Mit ähnlichen Argumenten setzte sich Schinkel auch für das andere „classische, eigentümliche und vorzüglich großartige“ Gebäude der Stadt, das Zeughaus, ein. „Den Kunstwert beider verdanken wir Schlüter; sie stehen zugleich als Monumente der Kunst da und werden immer wichtiger, je weniger die Zeit im Stande sein wird, sich auf so große und vollkommene Weise einzulassen“, bemerkte der Chef der Oberbaudeputation. Zugleich werde die Pflicht um so dringlicher, die geerbten Schätze in ihrer ganzen Herrlichkeit zu erhalten. Selbst „in den ungünstigsten Zeiten sind die hierauf zu verwendenden Mittel nie als eine überflüssige Verschwendung anzusehen, weil der zwar nur indirekte Nutzen, welcher daraus erwächst, zu allgemein und groß ist“. Schinkels Mahnung hätten auch aus unserer Zeit stammen können, und so können wir nur begrüßen, wenn in Büchern und anderen Medien daran erinnert wird, selbst bei bröckelnden Brücken und undichten Schultoiletten das kulturelle Erbe nicht aus den Augen zu verlieren.

Vieles ist noch nicht ausgeleuchtet
Bei der Buchvorstellung nach Forschungsbedarf gefragt, sagte Jan Mende, obwohl es „Berge von Schinkelbüchern“ gebe, sei noch nicht alles ausgeleuchtet. Er würde sich gern mit Schinkels Wohnverhältnissen und seiner Rolle als Kunstsammler befassen und sie mit denen von Zeitgenossen vergleichen. Da der großbürgerliche Lebensstil der Familie Schinkel auch bezahlt werden musste, wäre die alles andere als banale Frage zu Gehältern und Nebeneinkünften des Meisters noch zu klären. Im Falle des von Schinkel so bewunderten Johann Wolfgang von Goethe ist das alles gut bekannt, bei dem Berliner Multitalent und anderen Persönlichkeiten steht man aber noch am Anfang.
Text und Fotos, soweit nicht anders genannt: Helmut Caspar