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Erschüttert geben wir, der Vorstand, das Kuratorium und die Mitglieder der Schadow Gesellschaft Berlin e.V., den Tod unseres stellvertretenden Vorsitzenden, des großen Künstlers Johannes Grützke, bekannt.

Der Maler, Bildhauer und Dichter gehörte zu den Gründungsmitgliedern unseres Vereins, und wir alle schulden ihm für sein jahrzehntelanges Wirken zum Andenken an das Leben und Werk Johann Gottfried Schadows großen Dank. Rückblickend gibt es nahezu kein Projekt und keine Tätigkeit unseres Vereins, an denen Johannes Grützke nicht mit bewundernswertem künstlerischen Engagement beteiligt war. Mehr als alle anderen von uns fühlte Johannes Grützke sich dem größten Bildhauer Berlins besonders nahe, und zwar nicht nur, was dessen Wirken, sondern gerade auch dessen Person betrifft. So sah er sich, wie er zu betonen pflegte, mit Schadow geradezu verwachsen, als sein Enkel und Nachfahr in des Wortes eigenem Sinn.

In der Tat durfte sich Johannes Grützke seinem großem Vorbild in all dessen Arbeiten, dessen Ansichten und geistig-körperlichem Vermögen zu Recht nahe verwandt und ebenbürtig fühlen. Beide Künstler verband eine große Menschlichkeit, und beide prägte der Berlin-typische Realitätssinn für das bewusste Dasein und Leben in der sichtbaren Welt. So nimmt es nicht wunder, dass Johannes Grützke als einer der ganz wenigen großen Künstler seiner Generation sich gegen das Arbeiten in der Abstraktion und für die Bewahrung des Gegenständlichen, der äußeren Erscheinung der Welt und so auch des Bildes des Menschen, entschied. Das freilich konnte ihm bis zum Erregend-Dramatischen, zur Heftigkeit, dies vor allem in seinen Gruppenbildern, geraten. Mit dabei war stets Kritik am Gesellschaftlichen im Sinn der Parteinahme für alles Menschliche des Einzelnen in all seiner Mannigfaltigkeit oder gar Widersprüchlichkeit.

Bei aller Modernität und aller technischen und inventorischen Virtuosität seiner Arbeiten waren diese dem Klassischen verwandt und behielten dessen Ausdrucksmittel. Klassische Bezüge konnten sich bis zum Allegorischen entwickeln, und auch der Sinn für das Historische, dies allerdings aus gegenwärtiger Sicht, etwa bei dem Riesen-Opus für die Paulskirche, war bei Johannes Grützke mühelos und überzeugend vorhanden. Mit dabei war, auch bei ernster Thematik, meist das Humoristische, ohne das ein rechtschaffener Moralist die Sorgen, Nöte und Kämpfe innerhalb der Gesellschaft nicht auszuhalten, geschweige denn im künstlerischen Medium darzustellen und oft genug auch zu mildern oder gar zu überwinden weiß.

Die Malerei als künstlerische Schöpfungsart bestimmte nicht allein das Werk von Johannes Grützke. Im Plastisch-Bildnerischen ist es das der Malerei verwandte Relief, das er immer wieder zu schaffen wusste, zuletzt sogar vom Krankenbett aus. Da war es nicht nur die letzte wundersame Zeichnung, die von einem Zusammentreffen von Schadow mit Luther kündete, sondern das zunächst in Ton modellierte und dann in Bronze gegossene Medaillon mit dem Antlitz des verehrten Schadow, das Johannes Grützke im Lauf von Jahrzehnten des Schaffens so vertraut geworden war, dass er es aus dem Stehgreif zu bilden wusste, stets in stupender „Ähnlichkeit“wie auch mit allen Zügen eines echten Grützke-Werks, diesmal sogar als Vermächtnis an die Nachwelt.

Johannes Grützke verkörperte das, was man als einen artifex doctus, einen klugen, gelehrten Künstler,  nennen darf. Als solcher war er auch ein Meister der Sprache, des vollmundig ausgestoßenen Wortes wie auch des Geschriebenen. Seine Beiträge und Kommentare zu vielen Aktivitäten unseres Vereins haben alle, die ihn hörten oder lasen, freudig genossen. Besonders liebte er die Dialogform, die er alljährlich zur Weihnachtszeit zur Abhandlung eines stets originellen, tiefsinnig  philosophisch-ästhetischen Themas wählte, und vielfach war es Meister Schadow höchstpersönlich, der etwa mit einem Schüler oder Kollegen ein humorvolles Streitgespäch führen durfte.

Besonders eindrucksvoll war Grützkes Umgang mit seiner Erkrankung, von der er, nach Ausschöpfung aller gegenwärtig gebotenen medizinischen Mittel, wusste, wohin sie ihn alsbald führen würde. Das Ende, der unausweichlich nahende Tod,  war ihm voll bewusst, er sprach davon in einer Art von sachlicher Vertrautheit, die nur Ausdruck seines lebenslang geübten  Wirklichkeitssinns sein konnte, erfüllt von geradezu stoischer Heiterkeit und bar jeder täuschenden Hoffnung auf ein Leben nach dem Leben auf Erden.

Das Andenken an Johannes Grützke werden wir, die Mitglieder und Freunde der Berliner Schadow Gesellschaft und darüber hinaus unendlich viele Menschen draußen im Lande, innigst und ernsthaft bewahren. Wir fühlen mit seiner Gattin und seinen Kindern wie diese das Leid, sehen aber dennoch vertrauensvoll und ergeben in die Zukunft.

Berlin, den 20. Mai 2017

Jürgen Klebs
Vorsitzender des Vorstands